Wochenkommentar
Der Reiz der Seltenheit – oder: Warum bei der Fussball-WM weniger mehr ist

Gianni Infantino will, dass die Weltmeisterschaft alle zwei Jahre stattfindet. Er leitet das unter anderem aus der Coronapandemie ab. Doch es gäbe bessere Ansätze als den neuen Rhythmus. Unser Wochenkommentar.

Patrik Müller
Patrik Müller
Drucken
Teilen
1990: Die deutsche Nationalmannschaft bejubelt das Tor von Andreas Brehme und den Weltmeistertitel.

1990: Die deutsche Nationalmannschaft bejubelt das Tor von Andreas Brehme und den Weltmeistertitel.

Carlo Fumagalli / WCSCC AP

Erinnern Sie sich an die erste Fussball-Weltmeisterschaft, die Sie erlebt haben? Mir kommt Maradona in den Sinn, WM 1986 in Mexiko, aber ich musste googeln, um herauszufinden, gegen wen Argentinien gewann (Deutschland). Lebhafter sind die Erinnerungen an «Italia novanta», 1990, als Deutschland im Final gegen Argentinien siegte, dank Penaltytor von Andreas Brehme.

Die WM macht sich rar, darum ist sie kostbar, darum bleiben die Bilder in unseren Köpfen hängen. Diesen «Weisch no?»-Effekt gibt es bei häufiger stattfindenden Ereignissen weniger ausgeprägt, etwa der jährlichen Eishockey-WM oder der zweijährlichen Ski-WM. So ist es auch ausserhalb des Sports: Eines der eindrücklichsten Volksfeste der Schweiz, die «Badenfahrt», erhielt nur darum seine Bedeutung, weil es bloss alle zehn Jahre stattfand.

Infantino muss Beschluss vertagen

Nun will Fifa-Präsident Gianni Infantino die Weltmeisterschaft alle zwei Jahre durchführen. Er argumentiert damit, dass Länder ausserhalb der Fussballhochburg Europa davon profitieren würden. Ihre Bevölkerungen würde eine Freude bereitet.

Promotor der Zwei-Jahre-Idee: Fifa-Chef Gianni Infantino.

Promotor der Zwei-Jahre-Idee: Fifa-Chef Gianni Infantino.

Bill Kostroun / AP

Der Urheber dieser Zwei-Jahres-Idee entlarvt Infantinos Begründung als scheinheilig. Es war Saudi-Arabien. Das macht klar, worum es in Wahrheit geht: Die Fifa will im Erdölstaat neue Geldquellen anzapfen. Aus dem gleichen Grund wurde schon die WM 2022 nach Katar vergeben, ein irrwitziger und wohl korrupter Entscheid.

Infantino wollte noch im Dezember über den neuen Rhythmus abstimmen lassen, diese Woche musste er den Beschluss vertagen. Besser wäre, er würde die Idee gänzlich fallen lassen. Doch die Fifa kennt nur eine Strategie: immer mehr, immer grösser, immer häufiger. An der übernächsten WM 2026 werden erstmals 48 Mannschaften teilnehmen statt wie bisher 32. Als die «Schweiz am Wochenende» Infantino fragte, ob solch globale Wachstumsprojekte noch zeitgemäss seien, antwortete er: «Natürlich, heute erst recht. Denn wir sehen es jetzt bei diesem Virus, dass wir weltweit zusammenspannen müssen. Genau das tut die Fifa.»

Jeder zieht seine eigenen Lehren aus der Pandemie, aber daraus abzuleiten, dass es mehr globale Turniere geben soll, braucht reichlich Fantasie. Verzicht und Bescheidenheit wären als Lehren weniger abenteuerlich.

Europa steht am Anfang der Kommerzialisierung des Fussballs

Mindestens so heuchlerisch wie die Fifa verhält sich der europäische Verband Uefa, der gegen die Zwei-Jahres-WM opponiert. Die Uefa moniert zwar zu Recht eine «Übersättigung», aber für diese ist sie selbst hauptverantwortlich. Denn Europa steht am Anfang der übersteigerten Ausdehnung und Kommerzialisierung des Fussballs.

Es begann in den 1970er-Jahren, als das Sponsoring aufkam, ging weiter in den 1980er-Jahren, als die TV-Sender sich erste Übertragungsrechte kauften, und erreichte einen ersten Höhepunkt 1992, als die Uefa aus dem Meistercup die «Champions League» schuf. Sponsoring, TV-Rechte, Transfersummen und Spielerlöhne explodierten. Investoren aus aller Welt kauften sich Fussballklubs, einer der ersten war der russische Oligarch Roman Abramovich, der 2003 den britischen Klub Chelsea übernahm. Später gingen Manchester United und Liverpool in amerikanischen Besitz, jüngst haben sich vor allem arabische Milliardäre in Europas Fussball eingekauft, von Paris bis – vor wenigen Tagen – Newcastle.

Der Markt funktioniert auch anders herum

Diese Entwicklung moralinsauer zu kritisieren, ist billig. Die Investoren bedienen eine Nachfrage. Aber dann sollen Fifa und Uefa, bitteschön, ehrlich sein und sagen, worum es geht: Nicht ums Weltverbessern. Sondern ums Business.

Doch der Markt funktioniert in beide Richtungen. Die Anzeichen mehren sich, dass die Fans finden: weniger ist mehr. Darum kollabierten vor einem halben Jahr die grössenwahnsinnigen Pläne für eine europäische Super League. Und darum ist auch gut möglich, dass die WM weiterhin nur alle vier Jahre stattfindet. Schlau wäre, die Fifa würde dafür die Frauen-WM aufwerten. Das würde die Fans freuen – und wäre wohl auch ein Business.

Aktuelle Nachrichten