Analyse
Skateboarden: Dass auch Teenies mitfahren dürfen, ist ein Glück für das IOC

Tokio hat gezeigt: Es ist richtig, dass Skateboarden olympisch ist. Nun muss sich das Olympische Komitee fragen: Sollen auch die Gamer aufgenommen werden?

Raffael Schuppisser
Raffael Schuppisser
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Sky Brown ist erst 13 Jahre alt und schon Bronze-Medaille-Gewinnerin.

Sky Brown ist erst 13 Jahre alt und schon Bronze-Medaille-Gewinnerin.

Fazry Ismail / EPA

Ist das ein Sport? Mit einem Rollbrett auf ein Treppengeländer springen und darauf herunterrutsche? Sich mit dem Brett in die Luft katapultieren und zwei Mal um die eigene Achse drehen? Natürlich. Es erfordert Koordination, Geschicklichkeit und denn Willen, einen Bewegungsablauf immer wieder zu trainieren, bis er perfekt ist.

Doch gehört das an die Olympischen Spiele? Natürlich. Das haben die Skaterinnen und Skater in Tokio eindrücklich demonstriert, indem sie für einige der spektakulärsten Bilder dieser Sommerspiele gesorgt haben. Bloss ein paar Puristen der Szene selbst sehen das anders. Für sie ist Skaten ein Lebensgefühl und kein Sport. Deshalb sei es unpassend, sich in einem Wettbewerb zu messen und um Medaillen zu fahren. Dabei geht aber vergessen, dass das viele Skater schon lange tun – etwa an den X-Games, einer Art Olympischen Spiele der Freestyle-Sportarten.

Mit einem Riesensprung aufs Geländer: Olympia-Sieger Yuto Horegome

Mit einem Riesensprung aufs Geländer: Olympia-Sieger Yuto Horegome

Keystone

Skateboarden hat – wie auch die Sportarten BMX Freestyle und Surfen, die dieses Jahr auch ihre olympische Premiere hatten – viel mit Ästhetik zu tun. Es geht nicht darum, wer am schnellsten ist, am höchsten oder am weitesten springt. Sondern, wer Hindernisse möglichst kreativ nutzt, um waghalsige Tricks möglichst stilvoll zu stehen. Es liegt auf der Hand, dass man das nicht ganz objektiv bewerten kann. Es hat auch viel mit Geschmack zu tun. Denn Skateboarden ist nicht nur Sport, sondern auch Kunst - ähnlich wie Kunstturnen und Eiskunstlaufen, die schon lange zu den Top-Disziplinen an Olympia gehören.

Dass nun der olympische Ritterschlag zur Kommerzialisierung des Skateboardens führt, ist eine Fehlannahme. Skateboarden ist schon lange auch Kommerz. Gewissermassen waren Skateboarder schon Influencer, bevor es soziale Medien gab. Kleidermarken bezahlten sie dafür, dass sie in den Skate-Videos und Skate-Magazinen im richtigen Outfit zu sehen war. Das mit dem Skateboarden einhergehende Freiheitsgefühl ist das perfekte Werbeumfeld.

Davon profitieren nun auch das Internationale Olympische Komitee (IOC). Die Skateboard Legende Tony Hawk hat es im Interview mit dieser Zeitung auf den Punkt gebracht:

«Das Skateboarden braucht die Olympischen Spiele nicht. Aber die Olympischen Spiele brauchen das Skateboarden, weil der Sport cool ist und er ein deutlich jüngeres Publikum anzieht.»

Dem IOC dürfte es gefallen, dass der Skateboard-Verband – anders etwa als der Verband der Kunstturnerinnen – auf eine Alterslimite verzichtet. So kommt es, dass keine Frauen unter 16 Jahren am Reck oder Baren turnen, aber bereits Zwölf und 13-Jährige über den Skatepark rollen. Wie gesund das für die Entwicklung der Jugendlichen ist, das ist eine andere Frage.

Tatsache ist: Insbesondere das Frauen-Skaten wird von Jungtalenten geprägt, die viel Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Allen voran die 13-jährige Bronzemedaille-Gewinnerin Sky Brown, die auf ihrem Instagram- und ihrem Youtube-Kanal ein Millionenpublikum bedient und Vorbild vieler Mädchen ist.

Zusammen mit Tony Hawks skatet Sky Brown auf einer Mega-Rampe.

Eigentlich ist es verwunderlich, dass das IOC so lange damit gewartet hat, Skateboarden, Surfen und BMX Freestyle aufzunehmen. Klar, man kann den Wettbewerb nicht beliebig vergrössern. Doch es gäbe die Möglichkeit, ein paar angestaubte Disziplinen zu ersetzten. Denn in der Welt des Actionsports gibt es noch einiges, was auch das Olympia-Publikum elektrisieren könnte.

So ist zum Beispiel nicht nachvollziehbar, dass im Mountainbike bloss die Disziplin Crosscountry olympisch ist und kein Downhill-Rennen und auch kein Slopestyle-Wettbewerb ausgetragen werden. Obwohl deren Stars auf Youtube und Instagram für viel mehr Aufsehen soragen als Nino Schurter und Jolanda Neff.

Tausende pilgern ins Stadion, um E-Sportler live zu erleben wie hier am League of Legends Final im Frankreich

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Keystone

Die grosse Frage für das IOC lautet aber nicht: Welche Freestyle-Sportart soll als nächstes aufgenommen werden? Sondern: Soll auch Gamen olympisch werden? E-Sport, wie das professionelle Gamen genannt wird, geniesst im Internet noch einmal ungleich mehr Aufmerksamkeit als Action-Sportarten. Der «Fortnite»-Spieler Tyler «Ninja» Blevins hat auf Youtube 24 Millionen Abonnenten. Zum Vergleich: Cristiano Ronaldo bringt es auf 1,8 Millionen, Roger Federer auf 33'000.

Doch ist E-Sport ein Sport? Gefragt sind Geschicklichkeit, Taktik eine überragende Hand-Augen-Koordination und der Wille zur Perfektion. Mit Bewegung im engeren Sinne hat das nicht viel zu tun. Das olympische Schiessen aber auch nicht.

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