Pro & Contra
Wird die Organspende bald zum Normalfall? Feri und Studer zur Änderung des Transplantationsgesetzes

Am 15. Mai stimmt die Schweizer Bevölkerung über die Änderung des Transplantationsgesetzes ab. Wird die Vorlage angenommen, gilt künftig die sogenannte erweiterte Widerspruchslösung. SP-Nationalrätin Yvonne Feri befürwortet diese, EVP-Nationalrätin Lilian Studer lehnt sie ab.

Yvonne Feri und Lilian Studer
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Soll die erweiterte Widerspruchslösung eingeführt werden? Die beiden Nationalrätinnen Lilian Studer (EVP) und Yvonne Feri (SP) sind sich nicht einig.

Soll die erweiterte Widerspruchslösung eingeführt werden? Die beiden Nationalrätinnen Lilian Studer (EVP) und Yvonne Feri (SP) sind sich nicht einig.

Bildmontage: CH Media

PRO: Yvonne Feri, SP-Nationalrätin

Eine grosse Mehrheit der Schweizer Bevölkerung ist bereit, ein Organ zu spenden. Das zeigt eine repräsentative Umfrage, die im Jahr 2019 durchgeführt wurde. Trotzdem sterben jede Woche Menschen, darunter auch Kinder, weil sie nicht rechtzeitig ein Organ bekommen.

Yvonne Feri, SP-Nationalrätin aus Wettingen (AG).

Yvonne Feri, SP-Nationalrätin aus Wettingen (AG).

Keystone

Es muss davon ausgegangen werden, dass auch den Menschen, die eigentlich spenden wollen, nach ihrem Tod keine Organe entnommen werden, weil sie ihren Willen nicht dokumentiert haben und weil ihre Angehörigen die Zustimmung zur Organentnahme in den schweren Stunden nach dem Tod nicht geben können und/oder den Willen der verstorbenen Person nicht kennen. Mit der Überführung der geltenden Zustimmungslösung in eine erweiterte Widerspruchslösung sollen unter anderem die Wartezeiten für Patientinnen und Patienten verkürzt sowie der Druck auf die Angehörigen reduziert werden.

Aktuell warten gemäss Swisstransplant 1434 Personen auf ein Organ. Sie wissen nicht, wie lange sie bangen müssen und ob sie überhaupt rechtzeitig ein Organ erhalten werden, denn in der Schweiz gibt es viel zu wenig lebensrettende Organe. Die Gesetzesänderung soll dazu beitragen, dass das Potenzial an Organspenden besser ausgeschöpft wird.

Wenn sich eine verstorbene Person zu Lebzeiten nicht explizit für die Organspende ausgesprochen hat, werden die Angehörigen nach dem mutmasslichen Willen gefragt. Nach dem geltenden Recht wird das Fehlen einer expliziten Zustimmung des Verstorbenen als Nein zur Organspende gewertet, weshalb sich viele Angehörige gegen eine Organentnahme aussprechen. Auch bei der neuen erweiterten Widerspruchslösung werden die Angehörigen einbezogen. Die Tatsache, dass die Organspende der Normalfall sein wird, kann Angehörige in ihrem Entscheid entlasten.

Wird die Einführung der erweiterten Widerspruchslösung an der Urne gutgeheissen, wird die Bevölkerung umfassend und intensiv über die Änderung informiert. Denn alle Menschen, die keine Organe spenden wollen, sollen ihr Widerspruchsrecht nutzen können. Die vorliegende Lösung ist ein wichtiger Schritt für all die Menschen, welche ein Organ für ihr weiteres Leben brauchen.

CONTRA: Lilian Studer, EVP-Nationalrätin

Lebensrettende Organe sind ein Mangel. Bei einem Nein zur Abstimmungsvorlage geht es somit nicht darum, ob man für oder gegen Organspende ist. Die Frage ist, wie man an diese gelangt. Bis anhin galt für Organspenden in der Schweiz die erweiterte Zustimmungslösung. Es durften nur dann Organe entnommen werden, wenn die Person oder die Angehörigen zugestimmt hatten.

Lilian Studer, EVP-Nationalrätin aus Wettingen (AG).

Lilian Studer, EVP-Nationalrätin aus Wettingen (AG).

Keystone

Mit der Änderung des Transplantationsgesetzes hat nun das Parlament die erweiterte Widerspruchsregelung eingeführt: Jede Person, die zu Lebzeiten einer Organspende nicht widersprochen hat, wird automatisch zum Organspender. Schweigen bedeutet neu nun Zustimmung, das Prinzip wird umgekehrt.

Bedenken muss man, zu jeder medizinischen Handlung, auch bei einer Blutentnahme, braucht es in der Schweiz eine ausdrückliche Zustimmung. Der grosse Eingriff, die Organentnahme, soll aber plötzlich ohne Zustimmung möglich sein. Falls eine Person sich nicht zu Lebzeiten geäussert hat, sollen die Angehörigen befragt werden. Sie können allerdings nur dann gegen die Organentnahme Widerspruch einlegen, wenn sie glaubhaft machen können, dass die Person, die als hirntot erklärt wurde, mutmasslich die Organspende abgelehnt hätte.

Der Druck auf die Angehörigen in einer emotionalen Situation wird damit gross. Für die Entscheidungsfindung fehlt ihnen die nötige Zeit. Die geplante Gesetzesänderung ist zudem nicht verfassungskonform. Das in Artikel 10 garantierte Menschenrecht auf Selbstbestimmung und Unversehrtheit des Körpers und dessen Schutz durch den Staat gilt nicht mehr vorbehaltlos.

Wissenschaftlich kann zudem nicht nachgewiesen werden, dass die Widerspruchsregelung zu mehr Organspenden führt, wie es der Bundesrat behauptet. Ein Erklärungsmodell, wie es die Ethikkommission vorgeschlagen hat, könnte aus meiner Sicht mehr bewirken – und es wäre die ethisch richtige Lösung. Meine Haltung: Die Widerspruchslösung ist der falsche Weg. Ich empfehle Ihnen deshalb ein Nein zu dieser Vorlage.