Analyse
Wohin rennt der US-Bulle?

Haben Sie auch dieses Jahr wieder auf die Karte Sicherheit gesetzt und Ihr Geld auf dem Sparkonto liegen gelassen? Das war ein Fehler.

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Der Dow Jones könnte diese Woche zum ersten Mal die Marke von 18 000 Punkten durchbrechen.

Der Dow Jones könnte diese Woche zum ersten Mal die Marke von 18 000 Punkten durchbrechen.

Keystone

Denn wer sich mit den historisch tiefen Zinsen auf dem Sparkonto nicht zufriedengeben wollte und sein Geld stattdessen in Aktien investierte, hatte gute Chancen auf eine ansehnliche Rendite. Der Swiss Market Index (SMI) mit den 20 grössten börsennotierten Schweizer Unternehmen verbesserte sich im Jahresverlauf von rund 8300 auf zeitweise über 9200 Punkte. Das ist eine Steigerung von mehr als 10 Prozent und der höchste Stand seit Dezember 2007.

Massgeblich dazu beigetragen hat die Performance des nach wie vor wichtigsten Aktienindexes der Welt: des amerikanischen Dow-Jones-Indexes. Der Dow Jones könnte diese Woche zum ersten Mal die Marke von 18 000 Punkten durchbrechen. Woher kommt diese Euphorie an der amerikanischen Börse? Die US-Wirtschaft ist deutlich auf dem aufsteigenden Ast. Im November wurden in der grössten Volkswirtschaft der Welt 321 000 neue Jobs geschaffen. Das sind so viele wie seit 2012 nicht mehr. Analysten hatten nur mit 230 000 neuen Jobs gerechnet. Zudem verharrte die Arbeitslosenquote zuletzt auf einem Sechsjahrestief.

Billiges Öl kurbelt Konsum an

Hinzu kommt, dass die US-Wirtschaft vom anhaltend niedrigen Ölpreis profitiert. Denn wenn die Amerikaner weniger bezahlen müssen für ihren traditionell hohen Energieverbrauch, dann haben sie mehr Geld in der Tasche für andere Ausgaben. Das ist ein nicht zu unterschätzender Wirtschaftsfaktor. Denn schliesslich macht der private Konsum in den USA 70 Prozent der Wirtschaftsleistung aus. Zwar könnte ein weiter fallender Ölpreis den Erdgas-Abbau mittels Fracking in den USA an die Grenzen der Rentabilität bringen. Im Moment scheint das den Amerikanern aber wenig Angst zu machen. Die positiven Effekte überwiegen.

Allerdings gibt es auch für die US-Wirtschaft weiterhin Unsicherheiten. So entwickeln sich zum Beispiel die Aktienkurse von kleineren US-Firmen, die an der Börse kotiert sind, längst nicht so positiv wie jene der grossen Dow-Jones-Blue-Chips. Es gibt deshalb Fragezeichen, wie breit abgestützt der Aufschwung ist. Des Weiteren ist der Auftragseingang in der US-Industrie im Oktober überraschend zurückgegangen. Zudem drückt die weiterhin angespannte Lage der Weltwirtschaft auf die gute Stimmung in den USA – die Konjunkturdaten Europas und vieler Entwicklungsländer enttäuschen nach wie vor. Insgesamt zeigte sich die US-Wirtschaft in den letzten Monaten aber robust. Und genau das dürfte bald zum schwierigsten Prüfstein werden: Denn wenn sich die US-Wirtschaft weiter stabilisiert, dann hat die US-Notenbank Fed keine Argumente mehr dafür, die Leitzinsen bei 0 bis 0,25 Prozent zu belassen. Und falls die Fed die Zinsen tatsächlich erhöht, wird das Geld für die US-Wirtschaft wieder teurer.

Schafft es die US-Wirtschaft ohne Hilfe?

Die verstärkten Anleihenkäufe, die ebenfalls die Konjunktur ankurbeln sollten, hat die Fed bereits Ende Oktober beendet. Das hatte bisher keine negativen Folgen auf die US-Wirtschaft und die Börse. Damit hat die Fed gezeigt, dass eine Ausweitung der Bilanzsumme nicht nur geeignet sein kann, einen Abwärtsstrudel der Wirtschaft zu stoppen, sondern dass sie auch wieder rückgängig zu machen ist. In den USA wurde Deflation vermieden – und die Arbeitslosenrate hat sich seit der Finanzkrise fast halbiert. Zudem gewinnt der Dollar an Wert zurück, seit die Fed beschlossen hat, die expansive Geldpolitik wieder zurückzufahren. Katastrophenszenarien, wonach durch die vorübergehende Geldschwemme der Dollar massiv an Wert verlieren wird, haben sich nicht bewahrheitet.

Ganz durchatmen darf US-Notenbankchefin Janet Yellen aber erst, wenn der Markt auch die Erhöhung der Leitzinsen akzeptiert. Wann es zu diesem Schritt kommen wird – und damit zur Rückkehr zur Normalität – ist noch offen. Die meisten Beobachter erwarten die Erhöhung im ersten Halbjahr 2015. Dann wird sich zeigen, ob der Aufschwung der US-Wirtschaft selbsttragend ist und ohne die massive Schützenhilfe der Geldpolitik auskommt. Sollte dem so sein, sind die Chancen intakt, dass der US-Bulle den Börsianern auch im nächsten Jahr viel Freude bringt.

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