Wochenkommentar
Donald Trump hat an einem einzigen Tag sich selber und sein Vermächtnis zerstört. Was tun nun seine Nachahmer?

Der 45. US-Präsident war das Vorbild vieler Anti-Establishment-Politiker auf der ganzen Welt. Sie bewunderten Donald Trumps disruptive Kraft, doch diese hat nun ihn selbst und seine Partei erfasst. Ist der Trump-Spuk vorbei? Der Wochenkommentar.

Patrik Müller
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Gefährlicher Verlierer: Donald Trump, hier in der Wahlnacht.

Gefährlicher Verlierer: Donald Trump, hier in der Wahlnacht.

Chris Kleponis / Pool / EPA

In seiner ersten Rede nach dem Sturm auf das Kapitol wirkt Donald Trump gekränkt und ungewohnt kleinlaut. Widerwillig trägt er in der Videoansprache vor, was andere für ihn aufgeschrieben haben. Er verurteilt den Angriff des Mobs auf das US-Parlament und verspricht, er werde für eine ordnungsgemässe und nahtlose Amtsübergabe sorgen. Sein monatelanges Geschrei – «sie haben die Wahl gestohlen!», «wir geben nie auf!» – ist verstummt.

Doch Trump wäre nicht Trump, würde er nicht selbst jetzt noch trötzeln: In der Ansprache verzichtet er darauf, seinen Nachfolger Joe Biden zu erwähnen, geschweige denn ihm zu gratulieren. Und dann sagt er noch einen Satz, der hellhörig macht:

«Unsere unglaubliche Reise hat gerade erst begonnen.»

Damit spielt der 74-Jährige auf eine Kandidatur 2024 an. Womöglich scheitert diese Ambition schon an den Gerichten. Werden Trump Straftaten nachgewiesen, könnte ihm verboten werden, wieder für politische Ämter zu kandidieren.

Patrik Müller, Chefredaktor der «Schweiz am Wochenende»

Patrik Müller, Chefredaktor der «Schweiz am Wochenende»

Doch vieles spricht dafür, dass sich Trump bereits selber aus dem Rennen genommen hat. Niemand weiss besser um die Kraft von Bildern als der ehemalige Reality-TV-Star, und von seiner Amtszeit werden nun Bilder haften bleiben, die verheerender nicht sein könnten: Krawallbrüder mit Trump-Flaggen stürmen das Kapitol, bedrohen Abgeordnete und brechen in das Büro von Parlamentspräsidentin Nancy Pelosi ein.

Diese Bilder werden den Amerikanern nicht mehr aus den Köpfen gehen, sie prägen sich ein wie die einstürzenden Türme in New York am 11. September 2001.

Fünf Menschen, darunter ein Polizist, starben im Zusammenhang mit diesem gewaltsamen Aufstand. Auch das werden die Amerikaner nicht vergessen.

40 Prozent folgten ihm bedingungslos - bis dieser Mittwoch kam

Weil Donald Trumps Verantwortung für diese Schande nicht zu leugnen ist – er mobilisierte die Massen für diesen Marsch zum Kapitol und peitschte sie auf –, hat er am Mittwoch seine politische Zukunft und zugleich auch sein Vermächtnis beerdigt. Bis zu jenem Tag folgten in den USA stabile 40 Prozent der Bevölkerung Donald Trump praktisch bedingungslos. Um diesen Wert herum oszillierte seine Zustimmungsrate während der gesamten Amtszeit, was auch immer er für private und politische Skandale produzierte.

Das hat sich an einem einzigen Tag geändert. Unter den Gefolgsleuten, die mit Trump brachen, war die Aussage von Mick Mulvaney vielleicht die bemerkenswerteste. Der Tea-­Party-Vertreter gehörte der Trump-­Administration an, reichte aber umgehend seinen Rücktritt ein und sagte:

«Wir traten an, um Amerika wieder gross zu machen. Wir traten an, um Steuern zu senken. Der Präsident hat eine lange Liste mit Erfolgen – aber diese sind alle auf einen Schlag zunichtegemacht worden.»

Trump war das Idol von Populisten in Europa (Salvini in Italien, Le Pen in Frankreich, in der Schweiz sympathisierten auch einige SVPler mit ihm), in Südamerika (Bolsonaro in Brasilien) und in Asien (Modi in Indien). Sie sahen über Trumps Unart hinweg, weil er Erfolg hatte. Weil er mit allem davonzukommen schien. Weil er etwas «machte», auch wenn es oft nur das Eliminieren von Bestehendem war: Klima- und Iran-Abkommen, Handelsverträge, Umweltstandards.

Jetzt erkennen die kleinen Trumps dieser Welt, wohin es führt, wenn das Wüten immer extremer wird. Es endet in der Selbstzerstörung. Es dürfte kein Zufall sein, dass der cleverste und agilste Populist, der Brite Boris Johnson, sich besonders eilig vom Noch-Präsidenten absetzte.

Wer sich allein über Erfolg definiert, hat ein Problem, wenn er Misserfolg hat

Trump hat sich allein über den Erfolg definiert. Der machte seinen Nimbus aus. Jetzt hat er maximalen Misserfolg: Er verlor das Repräsentantenhaus, die Präsidentschaft, diese Woche auch den Senat – und am Mittwoch den Rest seiner Autorität.

Der engste Zirkel radikaler Fans wird weiter zu ihm halten, doch das macht die Sache für die Republikaner umso schwieriger, die nun vor einer Zerreissprobe stehen. Trumps viel zitierte disruptive Kraft hat ihn selbst erfasst und trifft als Nächstes seine Partei. Wüteriche rund um den Globus werden es mit Bange beobachten.

Doch Trump wäre nicht Trump, würde er nicht selbst jetzt noch trötzeln: In der Ansprache verzichtet er darauf, seinen Nachfolger Joe Biden zu erwähnen, geschweige denn ihm zu gratulieren. Und dann sagt er noch einen Satz, der hellhörig macht: «Unsere unglaubliche Reise hat gerade erst begonnen.»