Streit
Wem gehört die Sprache? Der Kampf gegen den Genderstern

Ein Philosoph will seine Fachartikel weiterhin in der männlichen Form schreiben. Die Herausgeberin interveniert. Darf sie das?

Raffael Schuppisser
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Karikatur: Silvan Wegmann

Für einen Sammelband hat der Maschinenethiker Oliver Bendel den Beitrag «Die Spione im eigenen Haus» verfasst. Darin beschreibt er, wie Smartphones, smarte Lautsprecher und andere sprachgesteuerte Geräte zu Überwachungszwecken missbraucht werden können. Bemerkenswert ist die Fussnote am Ende des Textes: «Der Verfasser gebraucht kein Gendersternchen. Dieses wurde gegen seinen Willen in den Text eingefügt.»

Im Artikel, der sich um die smarten Gadgets dreht, die nicht mehr aus unserem Alltag wegzudenken seien, steht etwa: «Auch im Unterricht an Schulen und Hochschulen sind sie massenhaft zu finden und konservieren die mehr oder weniger freie Rede der Lehrer*innen und Dozent*innen. Sie sind, mit anderen Worten, omnipräsent und der*die Benutzer*in weiss oft nicht, ob die Aufnahmefunktion aktiviert wurde.»

Der Vorfall wirft die Frage auf: Wie frei ist die Rede der Dozentinnen und Dozenten wirklich, insbesondere die geschriebene?

«Ich bin der Ansicht, dass es dem Autor obliegt, zu entscheiden, wie er Gendermerkmale in der Sprache sichtbar machen will», sagt Bendel, der als Professor an der Fachhochschule Nordwestschweiz angestellt ist.

Oliver Bendel mag keine Gendersterne.

Oliver Bendel mag keine Gendersterne.

Bild: Kai R. Joachim

Doch die Herausgeberin des im Wissenschaftsverlag Velbrück erschienenen Sammelbands sieht das anders: Sie argumentiert, dass die Sprache nicht dem Autor oder der Autorin gehöre, sondern der Gesellschaft.

Aus dem «Zeichner» wurde eine «zeichnende Person»

Das Erlebnis von Philosoph Bendel ist kein Einzelfall. Ein Berufskollege der Universität Lausanne sagt: «Ich verwende keine Gendersterne, aber es kommt vor, dass sie Verleger einführen.» In Deutschland führte ein ähnlicher Fall zu einer juristischen Auseinandersetzung. Die Autorin Sabine Mertens klagt gegen den Verlag Manager Seminare aus Bonn wegen Urheberrechtsverletzung. Da dieser einen Artikel gegen ihren Willen gegendert habe, obwohl sie mehrfach darauf hingewiesen habe, keine Gendersprache nutzen zu wollen.

Die Klage wird unterstützt vom Verein Deutsche Sprache, der in der Verwendung von Gendersprache und Anglizismen «zwei lebensbedrohliche Attacken» auf die deutsche Sprache erkennt. Beim erwähnten Beitrag wurde aber kein Genderstern eingefügt, sondern der Begriff «Zeichner» mit dem neutralen Begriff «zeichnende Person» ersetzt.

Wer das generische Maskulinum nutzt, kann markiert werden

Hinter den Fällen steht die Frage: Wer bestimmt bei einer Publikation, ob der Genderstern, eine andere gendergerechte Sprache oder das generische Maskulinum verwendet wird – die Autorin, der Herausgeber oder Verlag? «Der Autor entscheidet», heisst es auf Anfrage bei Suhrkamp, einem der grössten Wissenschaftsverlage im deutschsprachigen Raum. Bei Sammelbänden befürworte man allerdings eine gewisse Einheitlichkeit bei Genderfragen.

Der Springer-Verlag lässt verlauten, dass man sich intern für die Nutzung einer inklusiven Sprache entschieden habe. «Unseren Autor*innen steht es aber weiterhin frei, Sprache nach ihrem eigenen Ermessen zu verwenden», heisst es weiter.

Nicht nur in wissenschaftlichen Buchpublikationen taucht der Genderstern immer öfter auf, sondern auch in Arbeiten von Studierenden. Die Universität Bern beispielsweise rät in ihrem Leitfaden zur «Geschlechtergerechten Sprache»: «Verwenden Sie in Kontexten, in denen Sie die Geschlechtervielfalt sichtbar machen wollen, den Gender_Gap oder das Gender-Sternchen respektive eine dritte Benennungsmöglichkeit neben ‹Frau› und ‹Mann›». Zitate dürfen nicht angepasst werden, es bestünde jedoch die Möglichkeit, «im Zitat unmittelbar nach der Wiedergabe des ‹generischen Maskulinums› dieses mit einem (sic!) zu markieren». Das lateinische «sic», das «wirklich so» bedeutet, wird im akademischen Raum in der Regel dazu benutzt, auf offenkundige Fehler in Zitaten hinzuweisen.

«Der Genderstern macht oftmals die Männer unsichtbar»

Bendel, der sich selbst als «bunten Menschen» bezeichnet, sagt, er sei durchaus für eine geschlechtergerechte Sprache. So spricht er etwa immer wieder von «Studierenden». In einigen Fällen zieht er aber das generische Maskulinum vor, wenn er etwa von Internetnutzern schreibt, da die Gruppe so gross sei, dass klar ist, dass sie sich nicht nur auf männliche Nutzer beschränke. Auch mit Doppelnennungen wie «Lehrerinnen und Lehrer» könne er sich oftmals anfreunden. Nicht aber mit dem Genderstern.

Der Genderstern wird weder vom deutschen Rechtschreibrat noch von der Duden-Redaktion als korrekte Schreibweise angesehen. Darauf bezieht sich Bendel. Ausserdem würden bei vielen Konstruktionen mit Genderstern die Männer unsichtbar. Bei «Jüd*innen» oder «Ärzt*innen» seien die «Juden» und die «Ärzte» nicht eingeschlossen. Der Genderstern sei also weit weniger inkludierend als viele feministische Sprachwissenschafter meinen.

«Ich schliess keinen Autor aus, der den Genderstern nutzen will»

«Auch wenn mir der Genderstern wehtut, würde ich keinem Autor verbieten, diesen zu nutzen», sagt Bendel. Er selbst hat mehrere Sammelbände herausgegeben, darunter «Maschinenliebe» und «Soziale Roboter», die auch Beiträge mit Genderstern enthalten.

Als Autor versichert er sich nun aber immer im Vornherein, ob er Gendersterne verwenden muss oder seine Vorstellung einer gendergerechten Sprache verwenden darf. Bereits zwei Anfragen für einen Artikel hat er deshalb abgelehnt.

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