Analyse
Trotz Abzocker-Initiative kassieren die Manager

Das Volk hat die Abzocker-Initiative klar angenommen, doch Antrittsboni und Abgangsentschädigungen werden immer noch bezahlt.

Roman Seiler
Roman Seiler
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CS-Führung: VR-Präsident Urs Rohner (l.) und CEO Brady Dougan

CS-Führung: VR-Präsident Urs Rohner (l.) und CEO Brady Dougan

Keystone

Zwei Zahlen für die Geschichtsbücher: Brady Dougan, CEO der Credit Suisse (CS), kassierte 2010 dank eines Vergütungspakets namens PIP 71 Millionen Franken. Daniel Vasella, Präsident des Verwaltungsrats (VR) von Novartis, wollte sich den Abgang mit einer Konkurrenzklausel versüssen lassen: 72 Millionen Franken hätte er während sechs Jahren verdient. Als das 2013 auskam, war die Empörung so gross, dass Vasella auf das Paket verzichtete. Reich genug war er längst: Seine jährlichen Lohnpakete waren bis zu 42 Millionen wert.

Tempi passati: Das sind Sünden des Hypes vor der Finanzkrise, mag man sagen. Erhielt doch in den letzten zwei Jahren kein Top-Manager ein Vergütungspaket, das 15 Millionen überstieg. Ob dies so bleibt, steht aber in den Sternen. Ein Grund dafür ist die fehlende Einsicht der für die Vergütung ihrer Konzernleitung zuständigen Verwaltungsräte. Die Selbstregulierung im Bereich der guten Geschäftsführung funktioniere nicht, kritisierte Dominique Biedermann, Direktor von Ethos, zu Recht in der «Nordwestschweiz». Das unterstreicht eine Studie der Anlagestiftung zur Umsetzung der Minder-Initiative. Dabei tricksen viele Firmen.

So dürften gemäss der vom Volk angenommenen Vorlage weder Antrittsboni noch Abgangsentschädigungen bezahlt werden. Gemacht wirds trotzdem. Wer einen Top Shot anheuert, darf ihn bei der früheren Firma auskaufen. Dieser Manager erhielt bei seinem Arbeitgeber Boni in Form gesperrter Aktien oder Optionen. Definitiv zugeteilt werden sie Jahre später. Sind die von ihm erzielten Resultate nicht nachhaltig oder verstösst er gegen interne oder gesetzliche Vorschriften, verfällt der Bonus. Zudem verliert ein Mitarbeiter den Anspruch, wenn er das Unternehmen vor Ablauf der Sperrfrist verlässt.

Wirbt ihn ein Unternehmen ab, darf es ihm diesen Verlust ganz oder teilweise vergüten. So erhielt Andrea Orcel, Chef der Investmentbank der UBS, 2012 zum Amtsantritt einen «Golden Hello» von 6,4 Millionen in bar und 18,5 Millionen Franken in Form von Aktien «als Ersatz für aufgeschobene Vergütungen und Nebenleistungen» seines früheren Arbeitgebers Merrill Lynch zugesprochen.

Diese «Ersatzzahlungen» hebeln nicht nur die Initiative des heutigen Ständerats Thomas Minder aus. Damit lässt sich von cleveren Managern auch der eigentliche Sinn der Sperrung von Boni- Anteilen aushebeln. Er weiss als Insider, ob er die von seinem Verwaltungsrat vorgeschriebenen Ziele erreicht oder nicht. Fürchtet er, sie zu verfehlen, kann er sich abwerben lassen. Dann erhält er vom neuen Arbeitgeber einen Ersatz für Boni, auf die er möglicherweise gar keinen Anspruch hätte. Dies widerspricht dem Grundsatz «Bezahlung für Leistung» fundamental.

Selbst Vasellas Versuch, sich zum Abgang ein arbeitsfreies Einkommen zu sichern, zeigt Wirkung. Anstelle verbotener Abgangsentschädigungen wird Managern nun ein Konkurrenzverbot auferlegt. So erhalten sie nach Ablauf der Kündigungsfrist weiter ihr Gehalt. Perverserweise in manchen Fällen inklusive Bonus. Mehr als 40 börsenkotierte Firmen haben laut Ethos Konkurrenzverbote eingeführt – mehrheitlich für ein bis drei Jahre. Weitere Unternehmen dürften folgen, wenn sie wegen der Minder-Initiative im kommenden Jahr ihre Statuten anpassen.

Das sind nur zwei Beispiele, wie die Bemühungen von Aktionärsschützern ins Leere laufen. Das kann zwar kein Anlass sein, den Kampf gegen exzessive Löhne aufzugeben. Unternehmer Minder und Biedermann haben sicherlich dazu beigetragen, dass Saläre von mehr als 15 Millionen Franken aktuell der Vergangenheit angehören. Aber dafür steigen Vergütungspakete kleinerer Firmen, was weniger Schlagzeilen macht.

Ebenso bleibt die Honorierung von Verwaltungsräten im internationalen Quervergleich enorm hoch. Obwohl auch VR-Präsidenten keine zweistelligen Millionensummen mehr kassieren wie einst bei der CS Walter Kielholz. Für ein Teilzeitpensum notabene. Er liess das PIP-Bonuspaket zu. Heute bezeichnet er dies als einen Fehler. Dass ihn ein anderer wieder begeht, ist nicht ausgeschlossen. Wer viel verdienen will, macht den Bock zum Gärtner: Er sorgt dafür, dass ein hoch bezahlter CEO oder Banker im Vergütungskomitee des Verwaltungsrats Einsitz nimmt. Wie Vasella bei Pepsico oder – ab Januar – CS-VR-Präsident Urs Rohner beim britischen Pharmakonzern Glaxo-Smith-Kline.

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