Die Freitags-Kolumne
Mami verloren und geschossen

Seltsam, welche Dinge durch die Zeiten unverändert bleiben. Meist in ihrem ganzen Ausmass nicht genug gewürdigte Muster.

Max Dohner
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Wohin wollen sie denn gehen?

Wohin wollen sie denn gehen?

Etwa dieses zeitlose Geschehen (wenn auch akzentuiert während der jetzigen Adventszeit): Im Einkaufstempel meldete sich über Lautsprecher eine Frauenstimme mit der Durchsage: «Ein fünfjähriger Bub hat sein Mami verloren. Er trägt ein olivgrünes Jäckli und kann beim Kundendienst abgeholt werden.»

Wie oft wiederholt sich diese Szene landauf, landab? In jeder neuen Kindergeneration? Einmal wurde sie gar Literatur: Markus Werner hat seinen ersten Roman, «Zündels Abgang», so begonnen. Man kann die Passage als absolut deckungsgleiches Muster zu eigenen Erinnerungen lesen; ich ging im Warenhaus dreimal verloren.

Nahtlos an jene Verwirrung, allein im Labyrinth der Waren zu stehen, in einer gleichgültig vorbeiströmenden Menge, knüpfte sich indes dann eine ganz andere Sache: Der Vater, den Shoppingzentren anwiderten, wartete draussen irgendwo an einer Ecke, blickte mir scharf ins Gesicht und wusste Bescheid. Er legte den Arm um meine schmale Schulter und führte den Sohn wortlos zu Kleider Frey, in den Keller.

Da gabs Schiesseisen, Schrotkugeln und vorne ein paar Karton-Zielscheiben. Der Vater erklärte kurz Korn und Kimme, worauf der Sohn die Waffe an die Wange klemmte und losballerte. Was ich jeweils gewann, spielte keine Rolle. Das Gefühl war entscheidend. Es war ein Gefühl, als ob dies alles seine lineare Richtigkeit hatte: Zuerst trieb der Irrsinn eines Warenhauses ein argloses Kind in die grösste Ohnmacht. Dann zeigte der Vater, wie man sich wehrte, indem man um sich schoss.

Wenn ich noch einmal aus einem Roman zitieren darf (von James Salter, einem amerikanischen Koreakrieg-Veteranen): «Mein Vater», erzählt Salter, «sagte zu mir, als meine Frau und ich ein Kind erwarteten: ‹Wenn es ein Sohn ist, bring ihm das Schiessen bei.›»

Schiesskeller für Kinder gibt es keine mehr in Kleiderläden. Was also tut der Dreikäsehoch heute, wenn er verloren ging?