Kommentar
Sexy Mamas und Papas – wenn die Eltern nicht älter werden

Eltern wollen nicht nur länger jung bleiben, sondern auch ihre Kinder «auf gleicher Ebene» begleiten. Das wirkt so, als ob sie nicht so richtig aus der eigenen Pubertät herauskommen.

Margrit Stamm
Margrit Stamm
Drucken
Teilen
Väter, Mütter und auch beste Freunde. Kann das für Teenager schädlich sein?

Väter, Mütter und auch beste Freunde. Kann das für Teenager schädlich sein?

Lisa F. Young

Die Mama stöckelt mit ihrer Teenie-Tochter im gleichen Minirock zum Shoppen. Derweil konkurrenzieren sich Sohn und Vater im Fitness­center beim Gewichtestemmen. Der Arzt hat ihm gesagt, er könne bei gutem Training noch mindestens zwanzig Jahre wie vierzig wirken. Ist solches Verhalten cool?

Zumindest gefällt es den Eltern, doch der Jugendwahn kommt nicht bei allen Teenagern gut an. Wenn Mutter und Vater nicht nur für Schwester oder Bruder gehalten werden, sondern sich auch so benehmen, finden das viele Jugendliche eher peinlich.

«Fourtysomething»-Eltern werden sie genannt, die Mütter und Väter, die nicht älter werden, sondern immer länger sexy und jung bleiben. Sind das nur banale Angelegenheiten des Geschmacks oder berechtigte Anlässe zum Fremdschämen? Normativ gefragt: Nimmt die Teenagerseele Schaden, wenn Eltern mit ihrem Nachwuchs kokettieren?

Das Mass an Sensibilität macht die Beziehung aus

Einen kausalen Zusammenhang gibt es kaum. Nicht das Outfit der Mama oder die Fitness des muskelbepackten Papas macht die Qualität einer Eltern-Kind-Beziehung aus. Eher ist es das Mass an Sensibilität, das Frauen und Männer für ihre Funktion als Mütter und Väter aufbringen. Äusserlichkeiten spielen eine untergeordnete Rolle.

Es sind andere Gründe, welche die Beziehung zwischen Teenies und Eltern schwierig machen können. Beispielsweise, wenn sich Väter und Mütter auf die gleiche Ebene stellen und dem Nachwuchs als beste Freunde auf den Schoss sitzen wollen. Das wirkt so, als ob sie nicht so richtig aus der eigenen Pubertät herauskommen. Vielleicht steckt dahinter auch die Angst vor dem leeren Nest. Werden die Sprösslinge langsam flügge und gehen sie vermehrt ihre eigenen Wege, ist das Empty-Nest-Syndrom nicht weit. Aus Sorge, die Zuneigung der Kinder zu verlieren, getrauen sich manche Eltern kaum mehr, eigene Standards zu vertreten und sich damit Gehör zu verschaffen.

Freunde können keine Grenzen setzen

Doch genau dies brauchen Teenager. Die Suche nach einer Ich-Identität ist auch eine Suche nach Autonomie und Unabhängigkeit. Deshalb sind sie auf klare Grenzen angewiesen, an denen sie sich abarbeiten und die sie konfrontativ überschreiten können. Eltern müssen darum angreifbar sein und Kritik der Kinder aushalten lernen. Ewig perfekte Mütter und Väter, die als Freunde die Kinder durchs Leben begleiten wollen, sind eher kontraproduktiv. Freunde sind wichtig fürs Leben, aber Eltern können diese Position nicht ausfüllen. Freunde können keine Grenzen setzen.

Dazu kommen die unsicheren Familienstrukturen. Generationen standen sich noch nie so nahe wie heute. Partner kommen und gehen, das Kind bleibt. Es ist sogar das einzig Stabile, das Kontinuität verspricht. Deshalb wird es zum Glücksbringer, das eine emotionale Lücke füllen soll, die der Partner oder die Partnerin nicht zu leisten imstande ist. Diese Situation kann Mütter und Väter abhängig machen und dazu führen, die Kinder als Kumpel zu betrachten. Doch je mehr Eltern versuchen, eine freundschaftliche Symmetrie herzustellen, desto eher verlieren sie ihr Ziel und begeben sich in Abhängigkeit vom Nachwuchs.

Der Jugendwahn von Müttern und Vätern ist eher ein Nebenprodukt. Viel bedeutsamer ist es, wie sie sich verhalten und ob sie Abgrenzungsversuche ihrer Teenie-Kinder akzeptieren und als gutes Zeichen für deren Identitätsentwicklung verstehen können. Konfrontationen wie «Mama, du bist voll peinlich!» oder «Papa, du hast keine Ahnung!» geben den Eltern recht, dass sie auf einem guten Weg sind. Denn für heranwachsende junge Menschen ist es ein­facher, sich von der festen, meinungsbildenden Wand des Elternhauses abzustossen als von einem weichen, kumpelhaften und stets ein­fühlsamen Kissen. Kinder, die sich abnabeln dürfen, sind das Beste, was einer Familie pas­sieren kann. Auch wenn dies für die Eltern schmerzlich ist.

Aktuelle Nachrichten