Per Autostopp um die Welt
In Tibet – oder sollte ich sagen China? – lässt sich die Politik nicht ignorieren

Autostöppler Thomas Schlittler reiste mit seiner Freundin in dieser Woche in China von Luding nach Dali. Dabei traten sie auch mal ins politische Fettnäpfchen. Die Politik in Tibet lässt sich nicht ignorieren.

Thomas Schlittler*
Thomas Schlittler*
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Woche 34: Von Luang Namtha nach Phonxaisavang. Mr. Amlek ist Mitglied der Laotischen Revolutionären Volkspartei - der einzigen Part.
28 Bilder
Von Phonxaisavang nach Huay Xai: Es ist eng auf dem Rücksitz mit der dreijährigen Sina. Ihr Daddy Martin wollte uns aber unbedingt mitnehmen ...
... obwohl seine Frau und seine elfmonatige Tochter Ria krank sind und wir ganz viele Stopps machen müssen, weil sie sich übergeben müssen.
Von Huay Xai nach Luang Prabang_Eine Mekong-Flussfahrt wollen wir uns nicht entgehen lassen, deshalb bezahlen für einmal für den Transport (CHF 27.50).
Woche 32 – von Luding nach Dali: Die Selfie-Autostopp-Bilder von Thomas Schlittler
Die fünf bieten uns gar an, uns nach der Nacht in Yajiang am nächsten Morgen wieder mitzunehmen.
Von Luding nach Kangding: Li ist Polizist in Zivil und hält an, noch bevor wir unser Gepäck vom Rücken genommen haben.
Das hat für uns am Fusse des Passes eine laaange Wartezeit zur Folge - ohne dass auch nur ein Auto an uns vorbeifährt.
Von Kangding nach Xinduqiao: Weiter in die Höhe geht es mit einem tibetischen Mönch, der - seinen Überholmanövern nach zu urteilen - keine Angst hat vor dem Tod.
Von Xinduqiao nach Kaff: Bei diesen zwei Herren sitzen wir nur ganz kurz im Auto.
Von Kaff nach Litang (via Yajiang): Diese chinesische Touristengruppe, die sich übers Internet kennengelernt hat, fährt uns über 200 Kilometer durchs Gebirge.
Von Xiancheng nach Kaff: Am nächsten Morgen dann das pure Gegenteil – Diesem Fahrer scheint irgendwie nicht ganz wohl dabei zu sein, dass er uns mitgenommen hat.
Von Litang nach Sumdo: Uns gefällt die Fahrt besser als der kleinen Tochter unserer Fahrer – Die Arme muss sich auf halber Strecke fürchterlich übergeben.
Von Sumdo nach Shagong: Ein ruhiger Typ, der uns in seiner alten Klapperkiste über einen 4700 Meter hohen Pass chauffiert.
Von Shagong nach Xiancheng: Die Gangnam-Style-Brille täuscht nicht – Bei diesen drei jungen Herren geht es wirklich zu und her wie in einem Partybus.
Von Kaff nach Kreuzung: Auch dieser Herr ist anfangs eher kühl, nach einer Weile taut er aber auf und zeigt uns den richtigen Platz zum Stöppeln.
Wir müssen uns irgendwie beschäftigen: Bauen eine kleine Bank aus Steinen.
Am nächsten Morgen kehren wir dann noch vor Tagesanbruch an unseren Autostopp-Platz zurück.
Von Kreuzung nach Ranwuxiang: Als wir bei diesen beiden Herren einsteigen, hoffen wir, dass sie uns über einen grossen Pass bringen.
Von Ranwuxiang nach Kaff I jenseits jeder Karte: Dann nach 22 Stunden unfreiwilligem Warten die Erlösung – Ka Lan Tschi nimmt uns mit.
Und spielen Vier gewinnt mit Erdnüsschen und Mandarinen-Schalen.
Und gönnen uns den Pack Rösti, den meine Freundin Lea aus der Schweiz mitgebracht hat.
Von Lijiang nach Dali: Xia und Tie (rechts) bescheren uns dann einen der gemütlichsten Autostopp-Tage überhaupt – Sie bringen uns in zwei Stunden direkt nach Dali.
Von Kaff I jenseits jeder Karte nach Kaff II jenseits jeder Karte: Allerdings bringt er uns nicht an unseren Zielort, sondern in ein anderes Tal.
Von Guxue nach Shangri-la – Und dank Shinzang kommen wir zu einer christlichen Zeit in Shangri-la an.
Von Kaff II jenseits jeder Karte nach Guxue – Auf einer Strasse,die auf keiner Karte eingezeichnet ist,machen wir einen ziemlich grossen Umweg.
Von Shangri-la nach Kaifaqu – Dieser Herr bringt uns viel weiter, als wir beim Einsteigen erwarteten – 120 statt 40 Kilometer.
Von Kaifaqu nach Lijiang – Ans Tagesziel bringt uns dann Huan Tschi Hua.

Woche 34: Von Luang Namtha nach Phonxaisavang. Mr. Amlek ist Mitglied der Laotischen Revolutionären Volkspartei - der einzigen Part.

Thomas Schlittler

Ich versuche, in meinen Reisekolumnen politische Themen zu meiden. Erstens, weil darüber schon genug geschrieben wird – meist, wenn etwas Unerfreuliches passiert. Und zweitens, weil ich die Länder, die ich bereise, nur oberflächlich kennenlerne. Andere, die sich jahrelang mit einem Land beschäftigen, können politische Zusammenhänge besser aufzeigen.

Doch es gibt Gebiete auf dieser Welt, in denen die Politik allgegenwärtig ist – und die politischen Spannungen selbst bei einem Kurzbesuch ins Auge stechen. So zum Beispiel im Nordwesten der chinesischen Provinz Sichuan.

Diese Region wird grossmehrheitlich von Tibetern bewohnt, gehört aber nicht zum «Autonomen Gebiet Tibet», wie die chinesische Provinz offiziell heisst, und kann deshalb von westlichen Touristen auf eigene Faust bereist werden.

Woche 33 beginnt in Dali.
47 Bilder
Mittlerweile hat aber die chinesische Tourismusindustrie Dali ihren Stempel aufgedrückt.
Und für einige chinesische Touristen scheinen wir die Hauptattraktion in Dali zu sein.
Von Dali geht es weiter in die Millionenstadt Kunming.
Dann geht es weiter Richtung Süden, wo es wunderschöne Hügellandschaften zu bewundern gibt.
Nur für die Reisterrassen von Yuanyang unterbrechen wir unsere Fahrt nach Süden.
Die Reisterrassen wurden vom Volk der Hani, eine der 56 offiziell anerkannten Minderheiten in China, über Jahrhunderte aus den Berghängen gehauen.
Wir haben zwar nicht das Glück, dass wir einen roten Sonnenaufgang oder -untergang erleben, aber der Anblick ist trotzdem wunderschön und beeindruckend.
Wir können auch die Einheimischen beobachten, wie sie die Reisterrassen bewirtschaften.
Ein harter Job.
Teilweise sehen wir auch sehr betagte Frauen und Männer, die schwer beladen zurück in ihr Dorf laufen.
Die Einheimischen scheinen aber keine Freude zu haben an den Foto knipsenden Touristen.
Nur die Kinder stören sich (noch) nicht an den Touristen.
Und auch die Tiere haben natürlich nichts gegen ein Ganzkörperporträt.
Nach zwei Nächten bei den Reisterrassen geht es weiter Richtung Süden.
Woche 32: Die Woche beginnt mit einem Pingpong-Match gegen einen Einheimischen mitten in Luding
Dann geht es auf Passstrassen in sehr gutem Zustand weiter in die Höhe
Dabei wird immer offensichtlicher, dass man im tibetischen Kulturkreis angekommen ist
Die nächste Nacht verbringen wird in Yajiang (2500 M.ü.M.). Eine Stadt mit hässlichen, völlig unpassenden Hoch- und Reihenhäusern.
Die fehlenden optischen Reize kompensieren die Bewohner von Yajiang mit ihrer Gastfreundschaft: Eine tibetische Familie lädt uns spontan zum Tee ein
...und diese vier Jungs spendieren uns in einer Bar das eine oder andere Bier
Tags darauf gehts weiter west- und aufwärts - durch fantastische Landschaften
Litang ist dann unverkennbar eine durch und durch tibetische Stadt - auf 4000 Metern über Meer gelegen
In der Altstadt wähnt man sich in einer anderen Zeit
Frauen waschen am Dorfbrunnen mit eiskaltem Wasser Kleider,
...die danach im Garten aufgehängt werden
Die älteren Semester haben teilweise Gesichter, als ob sie schon sieben Leben hinter sich hätten
Doch auch jüngere Tibeter haben sehr markante Gesichter
Die Kinder blicken uns mit grossen Augen neugierig hinterher oder winken uns lachend zu
Das Wahrzeichen von Litang ist ein grosses Kloster im Norden der Stadt - selbst hier wird fleissig gebaut
Das Innere des Tempels ist noch farbenfroher als der Rest der Stadt
Zum Stadtbild gehören auch die zahlreichen jungen tibetischen Mönche, die sich hier ausbilden lassen
Manche sind zu Fuss unterwegs,
Viele aber auch auf dem Motorrad
Dann geht es weiter nach Süden - unter anderem über einen 4800 Meter hohen Pass
Die Landschaft ist überall fantastisch
Und die zahlreichen tibetischen Dörfer tragen das ihre dazu bei
Bei solchen Panoramen ist das Autofahren keine Qual
In der Stadt Lijiang ist der Ausflug in die tibetische Welt dann vorbei
Die Altstadt von Lijiang ist zwar wunderschön, aber zu touristisch
Die Gemüse- und Früchteabteilung ist eine Augenweide
Hühner werden in winzigen Käfigen gehalten und dann vor Ort gewogen, geköpft

Woche 33 beginnt in Dali.

Thomas Schlittler

Das tibetische Volk hätte gern einen eigenen Staat oder zumindest mehr Autonomie, China will davon aber nichts wissen. Erstens hat Tibet für China eine wichtige militärische Bedeutung, da das Hochplateau im Dreieck zwischen China, Indien und Russland liegt.

Zweitens entspringen im Hochplateau zahlreiche Flüsse, die das bevölkerungsreichste Land der Erde mit Wasser versorgen. Und drittens sind die Chinesen der Ansicht, dass Tibet historisch zu ihrem Reich gehört.

Ein freies Tibet könnte zudem auch in anderen Regionen Chinas Unabhängigkeitsgelüste wecken - zum Beispiel in der nordwestchinesischen Provinz Xinjiang, in der mehrheitlich muslimische Uiguren leben.

China versucht deshalb, die tibetische Sprache und Kultur Schritt für Schritt zu marginalisieren. Das hat zur Folge, dass im Nordwesten der Provinz Sichuan sogar die Suche nach einem Hotel eine politische Note erhält – zumindest, wenn eine fünfköpfige chinesische Reisegruppe mit zwei Europäern im Schlepptau durch Yajiang spaziert, einer Kleinstadt auf 2500 Metern Höhe, in die sich nur wenige Touristen verirren.
Die tibetischen Einwohner scheinen nicht richtig zu wissen, welchen Blick sie aufsetzen sollen: einen verächtlichen für die fünf Chinesen oder einen neugierigen für das junge Päärchen mit den grossen Augen, das von den Chinesen am Strassenrand aufgelesen wurde.

«Nein, wir dürfen mit unserem Visum leider nicht nach Tibet reisen», antworte ich mit meiner Übersetzer-App. Darauf er verständnislos: »Aber ihr seid doch bereits in Tibet?!»
Wir sprechen von zwei verschiedenen Dingen: Ich vom Autonomen Gebiet Tibet, einer administrativen Einheit der Volksrepublik China, die von Ausländern nur mit einem akkreditierten Reiseveranstalter bereist werden kann. Er vom tibetischen Kulturraum, der weit grösser ist als das politische Tibet und unter anderem eben auch nach Sichuan reicht.
Der Besuch der Stadt Litang, 4000 Meter über Meer, bringt weiteren Stoff zum Nachdenken: Im Hostel, in dem wir die einzigen Gäste sind, sagt mir der Inhaber freudig, dass er Verwandte habe in der Schweiz.

Kurze Zeit später telefoniere ich mit einem Tibeter, der seit mehr als zehn Jahren in Bern lebt. Als ich ihn auf Schweizerdeutsch frage, wie oft er die tibetische Heimat besuche, sagt er mit ernster Stimme: «Darüber reden wir am Telefon nicht, die Chinesen hören vielleicht mit.»

Beim Stadtbummel fällt dann auf, dass sämtliche Läden und Restaurants mit grossen chinesischen Zeichen angeschrieben sind. Um die tibetische Beschriftung lesen zu können, braucht man dagegen gute Augen. Kaum vorstellbar, dass die Ladenbesitzer diese Priorisierung selbst gewählt haben – denn auf der Strasse sind fast ausschliesslich Tibeter anzutreffen.
Am deutlichsten ist der chinesische Einfluss aber an der immensen Bautätigkeit zu erkennen. Überall werden Wohnungen, Hotels und Freizeitanlagen hochgezogen.

Dass die Gebäude meist überhaupt nicht in die Umgebung passen, scheint den Städteplanern egal zu sein – Hauptsache der Tourismussektor wächst und es wird Raum geschaffen für die Ansiedelung von Han-Chinesen.

Auch brandneue Strassen haben die Chinesen bis ins hinterste Tal verlegt. Oft mithilfe von Tunnels und hohen Pfeilern. Und an den wenigen Orten, an denen es noch eine Schotterpiste gibt, wird fleissig gebaut.

Das Kalkül der chinesischen Bauherren: Der wirtschaftliche Fortschritt soll dazu beitragen, dass die Tibeter ihre Unabhängigkeitsforderungen vergessen. Stattdessen soll die Kultur des Geldes angenommen werden. Wenn man die zahlreichen tibetischen Mönche sieht, die auf dem Motorrad herumfahren oder mit dem Smartphone – iPhone 6 natürlich – herumspielen, bekommt man das Gefühl, dass der Plan aufgehen könnte.

*Thomas Schlittler war Wirtschaftsredaktor der «Nordwestschweiz» und hat gekündigt, um seinen langersehnten Traum zu verwirklichen: per Autostopp um die Welt.

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