Mein Limmattal
Ich will ja nur geliked werden

Unsere Kolumnistin hört an einem Gespräch am Bahnhof zu und weiss nun, wie es sein muss, wenn jemand in jedem Satz nach der Bestätigung des Erzählten fragt.

Bettina Hamilton-Irvine
Bettina Hamilton-Irvine
Drucken
Die permanente Suche nach Bestätigung beherrscht heute unser Online-Verhalten stark, so der Like-Button auf Facebook (Archivbild).

Die permanente Suche nach Bestätigung beherrscht heute unser Online-Verhalten stark, so der Like-Button auf Facebook (Archivbild).

Keystone

Letzthin, am Bahnhof Glanzenberg: Während ich auf den Zug warte, werde ich Zeuge eines, nun ja, speziellen Gesprächs. Ein junger Mann erzählt einer jungen Frau eine durchaus banale Geschichte aus seinem Leben, fügt aber nach fast jedem Satz ein enthusiastisches: «Weisst du, was ich meine?» an. Das klingt dann etwa so: «Dann habe ich ihm gesagt, darauf hätte ich keine Lust. Weisst du, was ich meine?» «Mhhm.» «Ich habe ihm schliesslich schon genug oft ausgeholfen, weisst du, was ich meine?» «Mhm.» «Er könnte ja auch einmal etwas für mich tun, weisst du, was ich meine?» «Mhm.»

Ich bin schon nach einer Minute Zuhören ermüdet. Trotzdem verspüre ich den Drang, den jungen Mann hobbypsychologisch zu analysieren. Ob er als Kind zu wenig Aufmerksamkeit bekam? Möglich ist es. Aber wahrscheinlicher scheint mir, dass der exzessive Gebrauch von «Weisst du, was ich meine»-Einschüben in analogen Gesprächen eine unmittelbare Folge der Sucht nach «Likes» in sozialen Medien ist. Erst wenn unsere Mitmenschen per Knopfdruck bestätigt haben, dass sie gut finden, was wir da so von uns geben, ist es wirklich gut.

Die permanente Suche nach Bestätigung beherrscht heute unser Online-Verhalten stark – und macht uns im schlimmsten Fall zu verunsicherten Teenagern, die alles tun, damit ihre Gruppe sie akzeptiert. Eine amerikanische Studie hat kürzlich aufgezeigt, was die Gier nach Anerkennung in Form von «Likes» mit uns anstellt: So haben drei von vier Befragten angegeben, schon einmal unhöflich gewesen zu sein, weil ihnen das Natel wichtiger war als die reale Person vor ihnen. Offensichtlich ist für viele ein Erlebnis erst dann wahr und wertvoll, wenn es online geteilt und möglichst oft «geliked» wird. Und während wir atemlos der virtuellen Bestätigung nachhecheln, zerplatzen vor unseren Augen die wunderbarsten Momente wie Seifenblasen – was uns entgeht, weil unser Blick am Smartphone klebt. Blopp!

Klar: «Likes» sind Streicheleinheiten für die Seele – das sagen auch die Autoren besagter Studie. Um das gleiche Gefühl im Alltag zu erfahren, sei viel mehr Aufwand nötig. Der junge Mann am Bahnhof hat es wenigstens versucht. Auch wenn es total anstrengend wurde. Wissen Sie, was ich meine?

Bettina Hamilton-Irvine ist Journalistin und Kommunikationsleiterin. Sie wohnt in Dietikon.

Aktuelle Nachrichten