EM-Kolumne
Macht ein Fussballspiel alt?

Es gibt Trainer, die sagen, aufwühlende Spiele täten ihnen an der Seitenlinie nicht gut. Es gehe ans Herzen, an die Gesundheit, an die Substanz. Doch was macht ein solches Ereignis wie das Spiel gegen Frankreich mit den Fans und den Journalisten?

Christian Brägger
Christian Brägger
Drucken
Teilen
Bin ich auf dieser Achterbahnfahrt gegen den Weltmeister älter geworden? Das Spiel ist ja schon auch stressig gewesen.

Bin ich auf dieser Achterbahnfahrt gegen den Weltmeister älter geworden? Das Spiel ist ja schon auch stressig gewesen.

Pablo Gianinazzi / Keystone/Ti-Press

Es wird eine kurze Nacht in Bukarest. Aufgewühlt nach dem grössten Sieg eines Schweizer Nationalteams, wälze ich mich Stunden nach dem Viertelfinaleinzug in meinem Hotelbett. Alles ist dunkel, meine Augen sind offen. Ich sehe Bilder und fühle Geschichten. Und ich frage mich: Was genau ist da passiert? Wovon bin ich an diesem Montagabend tatsächlich Zeitzeuge geworden?

Ich finde selbst um vier Uhr morgens den Schlaf nicht. Ich überlege mir, was ein solches Ereignis mit dem Fan macht, mit dem Journalisten. Und ob ich auf dieser Achterbahnfahrt gegen den Weltmeister älter geworden bin. Die Gedanken kreisen. Vielleicht ist ja alles nur ein Traum, sage ich mir kurz. Ich nehme nochmals das Handy zur Hand. Die News­portale sind überfüllt mit Überschwänglichem, mit Huldigungen an eine grosse Schweizer Mannschaft. Nein, kein Traum. Wir sind die Schweiz. Sie hat Fussballgeschichte geschrieben.

Ich öffne den Gruppenchat italienischer Freunde. Unzählige Gratulationsnachrichten an die Schweiz sind drauf. Sie freuen sich für uns und schon jetzt auf den möglichen Halbfinal Italien–Schweiz. Ich spreche eine emotionale Nachricht drauf und schalte den Schlafmodus ein. Ich denke an die Heimat, an meine Liebsten, die nun noch länger auf mich warten müssen. Ich fühle mich etwas schuldig und alt. Das Spiel ist ja schon auch stressig gewesen. Ein Dutzend Versionen haben ich geschrieben, mal in die eine, dann in die andere Richtung. Und zurück. Dann schlafe ich endlich ein.

Es gibt Trainer, die sagen, aufwühlende Spiele täten ihnen an der Seitenlinie nicht gut. Es gehe ans Herzen, an die Gesundheit, an die Substanz. Manchmal benötigen sie eine Auszeit. Am Dienstagmorgen ist die Energie nach vier stunden Schlaf zurück, das Adrenalin auch, ich habe wieder Saft. Und ich brauche das Visum für Russland. Nein, älter bin ich nicht geworden, dafür weiser. Im Fussball kann so viel passieren. Man muss nur darauf vertrauen. Glauben Sie mir.

Aktuelle Nachrichten