Der Chef am WEF
Eine Rede, die schlimmer hätte kommen können

Nie hat der Bundepräsident ein hochkarätigeres Publikum als an der Eröffnung des World Economic Forum. Die Reden schwanken in der Regel zwischen Peinlichkeit und solider Schweizer Qualität.

Christian Dorer, Davos
Christian Dorer, Davos
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Bundespräsident Johann Schneider-Ammann eröffnete am Mittwochabend das Weltwirtschaftsforum (WEF) in Davos offiziell.

Bundespräsident Johann Schneider-Ammann eröffnete am Mittwochabend das Weltwirtschaftsforum (WEF) in Davos offiziell.

KEYSTONE/LAURENT GILLIERON

Mein Tag beginnt mit einem Aufsteller. Ich nehme an einer Diskussion über technologischen Wandel teil, und dort sagt ausgerechnet Facebook-Chefin Sheryl Sandberg: «Die Rolle der traditionellen Medien war niemals wichtiger als heute. Sie sind Garanten für Qualität. Auch auf Facebook kommt viel Inhalt von Medien.» Jetzt wärs bloss noch schön, wenn etwas aus dem Geldtopf zurückfliessen würde.

Dann höre ich mir die Rede des deutschen Bundespräsidenten Joachim Gauck an. Er sagt mit Blick nach Syrien: «Die Aufnahme derart Verfolgter ist ein Gebot humanitärer Verantwortung.» Er sagt aber auch: «Eine Begrenzung ist nicht per se unethisch. Sie hilft, Akzeptanz zu erhalten.»

Mittagessen am Tisch von José Manuel Barroso, dem früheren Präsidenten der Europäischen Kommission. Er moderiert eine Diskussion im kleinen Kreis über die Gefahr von populistischen Parteien in Europa. Gegen Ende outet sich Neo-SVP-Nationalrat Roger Köppel als Vertreter einer dieser Parteien ...

Nach etlichen Panels kommt der Programmpunkt, dem ich als Schweizer Teilnehmer mit Bangen entgegenblicke: die Eröffnungszeremonie. Denn die hält traditionellerweise der Schweizer Bundespräsident, gefolgt von einem Staatsgast. Nie vorher und nie nachher im Amtsjahr hat der Bundespräsident ein so hochkarätiges Publikum. Es wäre die perfekte Plattform, um eine Botschaft in die Welt zu tragen. Bloss liegt uns bescheidenen Schweizern der grosse Auftritt nicht. Ich habe die Reden seit 2002 erlebt. Sie schwankten zwischen Peinlichkeit und solider Schweizer Qualität:

2002 Die einzige WEF-Ausgabe, die nicht in Davos, sondern in New York stattfindet. Kaspar Villiger liest holprig ab Manuskript, in schlechtem Englisch, mit vielen Plattitüden.

2003 Pascal Couchepin spricht sich klar gegen einen Krieg im Irak aus – für einmal eine pointierte Aussage eines Bundespräsidenten, allerdings in miserablem Englisch.

2004 Joseph Deiss ist einer der seltenen Bundesräte, die perfekt Englisch sprechen. Der Inhalt aber ist überraschungsfrei und austauschbar: «Erst Demokratie und Recht bringen Sicherheit und Wohlstand.»

2005 Samuel Schmid war nie ein begnadeter Redner – am WEF wird die ganze Welt Zeuge davon. Immerhin spricht er Deutsch und erspart den Zuhörern peinliches Englisch.

2006 Moritz Leuenberger, normalerweise ein Redner mit Pfiff und Schalk, ergeht sich in Gemeinplätzen («es braucht kreative Lösungen für die Probleme der Welt») und verblasst neben Angela Merkel.

2007 Micheline Calmy-Rey hält ein Plädoyer für Menschenrechte. Wer des Englischen mächtig ist, bekommt Hühnerhaut; wegen der Sprache, nicht wegen des Inhalts.

2008 Nochmals Pascal Couchepin – siehe 2003.

2009 Hans-Rudolf Merz beherrscht immerhin Englisch und bricht eine Lanze für das WEF.

2010 Doris Leuthard spricht zum Glück vor Nicolas Sarkozy und nicht danach – sonst hätte ihre Rede noch zahmer gewirkt.

2011 Nochmals Micheline Calmy-Rey – siehe 2007.

2012 Eveline Widmer-Schlumpf rattert ihre Rede auf Englisch runter wie ein Sprechautomat. Aber was will sie uns sagen?

2013 Ueli Maurer überrascht alle positiv – er spricht ein solides Englisch und hat eine Message: Die Grossstaaten würden Druck auf Kleinstaaten ausüben, statt ihre strukturellen Probleme zu lösen.

2014 Didier Burkhalter: Solid, aber ohne dass den Zuschauern etwas in Erinnerung bliebe.

2015 Simonetta Sommaruga hält den Wirtschaftschefs eine Standpauke, als arbeitete sie für eine militante Nichtregierungsorganisation; die Schweiz ist nicht Thema ihrer Rede.

Und Bundespräsident Johann Schneider-Ammann? Es hätte schlimmer kommen können. Zwar klammerte er sich ans Manuskript, wirkte verkrampft und las behäbig, aber der Inhalt war solid, das Englisch verständlich. Trotzdem ist es brutal, wenn im Anschluss der US-Vizepräsident lächelnd geradezu auf die Bühne hüpft, zum Aufwärmen ein paar Jokes ins Publikum wirft und nachher eine geschlagene Stunde lang sein Publikum fesselt mit einer Rede, die in jedem Rhetorikkurs die Note 6 bekäme.

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