Dringend gesucht: Sündenbock

Wer im Börsenaufschwung die Lorbeeren für sich reklamiert, muss auch im Abschwung die Verantwortung übernehmen, schreibt unser Wirtschaftskolumnist Reto Lipp.

Reto Lipp
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Reto Lipp, Wirtschafts-Journalist SRF

Reto Lipp, Wirtschafts-Journalist SRF

Derzeit spielen die Aktienmärkte ziemlich verrückt – es kann mal 5 Prozent runter gehen, aber am nächsten Tag auch wieder 3 Prozent rauf. Derzeit geht es gerade wieder etwas bergauf. Seit Jahresbeginn ist gerade eine Erholung angesagt. Die Kursschwankungen sind um einiges höher als noch im Jahr 2017, wo es praktisch nur bergauf ging und es kaum grosse Schwankungen gab. Das Börsenjahr 2018 war zum Vergessen.

Als die Welt an der Börse noch in Ordnung war, nahm US-Präsident Donald Trump die Lorbeeren für den Kursanstieg gerne entgegen. Er sah sich quasi als Verursacher des Börsenbooms und er genoss den Applaus der Finanzgemeinde. Dass der Aufschwung schon unter seinem Vorgänger begonnen hatte, spielte dabei keine Rolle. Dieser Präsident ist einmalig, wenn es darum geht, sich in der Öffentlichkeit als Erfolgstyp zu verkaufen. Tatsächlich hatte Trumps Steuerreform, die Unternehmen massiv steuerlich entlastete, einen grossen Anteil am Börsenboom 2017. Aber jetzt läuft der Effekt aus. Es war ja auch dumm, eine Hochkonjunktur mit Steuerreduktionen noch mehr anzuheizen.

«Das wäre, wie wenn Finanzminister Ueli Maurer SNB-Präsident Thomas Jordan öffentlich als Nummer-eins-­Gefahr für die Schweizer Wirtschaft bezeichnen würde.»

Noch wichtiger für die Börsen war aber die sehr lockere Geldpolitik der US-Notenbank – besonders unter der Janet Yellen, die bis im Februar letzten Jahres Fed-Chefin war. Donald Trump machte dann den für ihn fatalen Fehler, Janet Yellen zu ersetzen. Diese hätte ganz gerne weitergemacht – wurde aber vom Präsidenten nicht mehr bestätigt. Wohl vor allem deshalb, weil sie von Präsident Obama eingesetzt worden war. Wer den Stempel Obama trug, musste weg. Trump setzte auf den Republikaner Jerome Powell. Sicher auch eine integere Persönlichkeit. Nur wusste schon vor einem Jahr jeder, der es wissen wollte, dass Janet Yellen eine geldpolitische Taube und Jerome Powell dagegen ein geldpolitischer Falke war. Was heisst das?

Yellen war äusserst zurückhaltend, wenn es um Zinserhöhungen ging. Sie wartete lieber ab, als dass sie die Zinsen zu früh anhob – denn es bestand immer die Gefahr, dass der Wirtschaftsaufschwung durch Zinserhöhungen zu früh abgewürgt würde. Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste, und auf Janet Yellen passte dieses Motto perfekt. Wenn ein Präsident keine schnellen Zinserhöhungen will, weil das die Wirtschaft abwürgen und die Börsen ins Tief reissen könnte, dann hätte er unbedingt auf Yellen als Notenbank-Chefin setzen müssen. Doch eine von Obama eingesetzte Fed-Chefin, das konnte ein Donald Trump keinesfalls akzeptieren. Dumm nur, dass er mit Janet Yellen viel besser gefahren wäre.

In seiner Not schiebt Trump den schwarzen Peter nun Notenbank-Chef Powell zu. Seine Zinserhöhungen seien schuld an der Börsenbaisse, sagt Trump. Er verstieg sich sogar dazu, zu behaupten, die Notenbank sei das grössere Problem als China. Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen: Der von ihm selbst eingesetzte Powell, der die Zins-Taube Yellen ablöste, soll die grössere Gefahr für die US-Wirtschaft als China sein? Das wäre, wie wenn Finanzminister Ueli Maurer SNB-Präsident Thomas Jordan öffentlich als Nummer-eins-­Gefahr für die Schweizer Wirtschaft bezeichnen würde.

Dabei war es der US-Präsident selbst, der mit seiner widersprüchlichen Handelspolitik die Börsen zum Absturz gebracht hat. Wenn international aufgebaute Logistikketten zerstört werden, wenn wegen neuen Zöllen Produkte für Konsumenten massiv teurer werden, dann muss man sich nicht wundern, wenn Anleger ein schlechtes Zukunftsgefühl beschleicht und sie sich von Aktien trennen.

Trump versuchte den Notenbank-Chef über Twitter permanent unter Druck zu setzen. Und wenn eine Absetzung des Notenbank-Chefs juristisch nicht so verdammt schwierig wäre, hätte er Powell bestimmt schon gefeuert. Dabei weisen alle Erkenntnisse der Ökonomie darauf hin, dass eine von der Politik unabhängige Notenbank die besten Ergebnisse bringt. Die Anleger indessen sind nicht doof, sie werden sich nicht täuschen lassen. Powell ist nicht schuld an der Börsenbaisse. Wer im Börsenaufschwung die Lorbeeren für sich reklamiert, muss auch im Abschwung die Verantwortung übernehmen.

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