Das Leben neu schreiben?
Dieser köstliche Anschein von Selbsterfindung

Ein Jahr anzufangen, birgt eine schöne Illusion. Es weckt das Gefühl, man könne sich neu erfinden. Als schlüge man ein Buch auf mit leeren Seiten. Und bestimmte vom ersten Wort, vom ersten Satz an, wo es langgehen soll.

Max Dohner
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Vor kurzem trafen sich im Literaturhaus Lenzburg einige Autorinnen und Autoren, um über Anfänge zu reden. Über nichts als das Spiel mit Weltentwürfen. Also Dinge, die dem Kopf entspringen. Wie die Dinge da hingelangen, wusste keiner. Wie man sie herausfischt oder herausschlägt wie Funken von einem Stein, wusste auch niemand. Trotzdem haben solche Funken das Zeug, um in anderen Köpfen ebenfalls Welten zu entwerfen. Wie kann das aus nichts geschehen? Also beugte man sich über Romananfänge. Sozusagen über Rezepte, wie man bis zum Verwechseln ähnliche Welten zur Wirklichkeit erzeugt aus einem Wirrsal von Einsicht und Schimäre.

Schon das erste Beispiel zeigte, dass man ein Leben zwar wie ein Buch beginnen lassen kann – und dennoch nicht weiss, wohin es führt. «Ob ich mich hier zum Helden meiner eigenen Leidensgeschichte entwickeln werde oder ob jemand anders diese Stelle ausfüllen soll, wird sich zeigen», schrieb Charles Dickens am Anfang seines «David Copperfield». Und weil alles unabsehbare Folgen hat, von allem Anfang an, sparte Gogol im «Mantel» gleich am Anfang belastende oder einschnürende Informationen aus: «Im Departement für ... aber nein, ich will lieber nicht verraten, um welches Departement es sich handelt.»

Von solchen Unwägbarkeiten liess sich die Autorenschar nicht verdriessen. Man pries «die Kraft des Anfangs». Um sogleich danach «die Fesseln des Anfangs» zu beklagen. Als wäre im Anfang alles Weitere vorgezeichnet und der erste Satz bereits ein romanschweres Schicksal. Am Anfang, so müsste man daraus ableiten, steht die Überlegung: Welche Falle erwartet mich, wenn ich diesen oder jenen Weg beschreite? Sobald einer daran gehe, sich neu zu erfinden, verzichte er auf zigtausend andere Möglichkeiten. Die Freiheit eines Neuanfangs lege sofort zwingend Schienen, auf denen er sich fortan bewege, so er sich überhaupt fortbewegen wolle.

Mit Verlaub – solche Dogmen sind fragwürdig. Oder heutiges Allerwelts-Marketing: «Der erste Satz muss sitzen, volles Tempo fahren, um Sog zu entwickeln.» Unweigerlich zitiert man dann Kafka («Die Verwandlung»): «Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt.» Grosse Autoren können auf «Sog» in aller Gelassenheit verzichten. «Am 15. September 1840, gegen sechs Uhr morgens, lag der Dampfer Ville-de-Montereau bereit zur Abfahrt vor dem Quai Saint-Bernard und sandte dicke Rauchwirbel in die Luft.» (Gustave Flaubert: «Die Erziehung des Gefühls»). Da rast nichts los im Sauseschlitten. Da liegt alles ruhig am Quai, erst beheizt, um abzulegen. Oder dieser Anfang (wie man angeblich gar nicht anfangen soll): «Über dem Atlantik befand sich ein barometrisches Minimum; es wanderte ostwärts, einem über Russland lagernden Maximum zu, und verriet noch nicht die Neigung, diesem nördlich auszuweichen.» (Robert Musil: «Der Mann ohne Eigenschaften»). Oder: «Die Mittagssonne stand über der kahlen, von Felshäuptern umragten Höhe des Julierpasses im Lande Bünden.» (C.F. Meyer, «Jürg Jenatsch»). Oder: «Es war im Juli, in der heissesten Zeit, als gegen Abend ein junger Mann seine Kammer verliess, die er von einem der Bewohner des S.schen Seitengässchens gemietet hatte, aus dem Haus trat und, wie es schien, unentschlossen, langsam der K.-Brücke zuschritt.» (Fjodor Dostojewski: «Schuld und Sühne»). Statt Tempo Langsamkeit. Statt eines sirrenden Pfeils nur Unentschlossenheit. Offener kann ein Anfang gar nicht weitergehen – wie im Leben.

Man sieht: Aller Anfang ist vom Mythos umweht, Welt zu schöpfen. Ein neues Jahr wie ein leeres Buch aufzuschlagen, sagten wir am Anfang, sei eine Illusion. Was uns einzig zur Verfügung steht, ehe wir «im alten Gleis weiterfahren», sind ein paar längst vorhandene Möglichkeiten. Und diese spielen wir nach unserer Fasson munter weiter. Wie es der beste amerikanische und der beste russische Schriftsteller des 20. Jahrhunderts getan hat, Vladimir Nabokov. Er begann seinen Roman «Ada oder das Verlangen» mit einem bereits gemachten Anfang: «Alle glücklichen Familien unterscheiden sich mehr oder weniger; alle unglücklichen ähneln sich mehr oder weniger, sagt ein grosser russischer Dichter» – sagte vor ihm Tolstoi.

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