Kolumne
Die Wirtschaftsführer haben nichts gelernt

Die Unternehmen haben es entschieden verpasst, nach dem 9. Februar die Wachstumskritiker zu Wachstumsfreunden zu machen. Der durchschnittliche Haushalt profitiert ungleich weniger als die Firmen von der Zuwanderung. Ecopop könnte zum Ventil werden.

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Wie viel vom Wirtschaftswachstum landet bei den Schweizern und Schweizerinnen im Portemonnaie?

Wie viel vom Wirtschaftswachstum landet bei den Schweizern und Schweizerinnen im Portemonnaie?

Keystone

Siebentausendeinhundertundzwölf (7112) Franken im Monat hatte jeder Schweizer Durchschnittshaushalt im Jahr 2012 zur Verfügung. Die Zahl des Bundesamtes für Statistik tönt nach viel und taugt wenig. Denn diesen Durchschnitt lebt real niemand. Denn – wie das gleiche Amt nachschiebt – die klare Mehrheit aller Haushalte (60 Prozent) hatte weniger Geld zur Verfügung als diese arithmetisch berechneten 7112 Franken. Vor zehn Jahren betrug dieser Durchschnitt erst 6591 Franken pro Haushalt.

Genau das ist das Problem: Für viele Schweizerinnen und Schweizer ist die Steigerung von 6591 auf 7112 Franken keine gelebte Realität in ihrem eigenen Haushalts-Portemonnaie. Für sie wurden nur die Wohnungen und die Krankenkassen teurer und der Stress im Job grösser. Auch darum stimmten viele am 9. Februar Ja zur Masseneinwanderungsinitiative.

Genau darum geht es immer noch. Das Ventil heisst jetzt Ecopop. Mag Ecopop noch so schräg sein wie seine Initianten, die einerseits in Afrika missionarisch Kondome verteilen wollen und selber zu Hause viele Kinder haben, anderseits wachstumskritisch Landschaftsschutz und Bescheidenheit predigen und selber grosszügig Wohnraum verbrauchen und Land besitzen.

Nur: Diese Initianten-Schelte ändert nichts am Grundgefühl derjenigen, denen das Wachstum im Land nichts bringt ausser Ärger und Sorgen. «Déjà vu», antwortet zornig Leserbriefschreiber Marcel Frizzoni-Casals aus Wettingen auf die Anti-Ecopop-Beschwörungen von Economiesuisse-Chef Heinz Karrer am Dienstag in der Aargauer Zeitung. Und so tönt es in vielen Leserbriefen und Online-Foren.

Fürwahr. Die Wirtschaft und ihre Führer haben nichts, aber auch gar nichts gelernt aus dem 9. Februar und nirgends konkret ein Zeichen gesetzt, um die Wachstumsverlierer zu Wachstumsfreunden zu machen. Wo war das Unternehmen, das sagte, wir schaffen jetzt selber Krippen, damit mehr Frauen bei uns arbeiten können.

Oder: Wir schaffen selber und freiwillig Lohntransparenz, damit alle sehen, dass Frauen bei uns gleichviel verdienen wie Männer.

Oder: Wir bieten allen Arbeitnehmenden um die 50 eine berufliche Standortanalyse und Weiterbildung an – statt wie heute die über 50-Jährigen automatisch als Ballast zu betrachten und sie rasch durch junge, willige und billige Arbeitskräfte aus dem Ausland zu ersetzen.

Wo sind die Tatbeweise, dass die Wirtschaft etwas aus dem 9. Februar gelernt hat?

Solange dieses inländische Potenzial – insbesondere Frauen und ältere Arbeitnehmer – weiterhin nur die kalte Schulter sieht, ist es das gefährliche Potenzial von Ecopop.

Werner De Schepper ist Kolumnist der «Nordwestschweiz» und Moderator von Tele M1.

werner.deschepper@azmedien.ch