De Schepper
Asyl-Vorrang für Christen?

Werner De Schepper
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Asylbewerber sitzen im Hof des Empfangs- und Verfahrenszentrums Chiasso.

Asylbewerber sitzen im Hof des Empfangs- und Verfahrenszentrums Chiasso.

Keystone

Der Berner Bergbauer und SVP-Nationalrat Erich von Siebenthal ist ein gottesfürchtiger Mann, wie er der Website Jesus.ch anvertraut: «Ich erwarte von Gott ganz klar, dass er mir in politischen Fragen Weisheit gibt. Ich spüre, dass ich nicht allein entscheiden muss.» Jetzt fordert der freikirchliche Christ in der Asylpolitik eine Kehrtwende: «Als christliches Land wäre es unsere Pflicht, christliche Asylbewerber, die in ihrem Heimatland an Leib und Leben bedroht sind, bevorzugt zu behandeln.»

Asyl zuerst für Christen! Ist das des Christen erste Pflicht? Gott können wir an dieser Stelle nicht direkt fragen. Aber zumindest ist es interessant, was die Bibel – und insbesondere, was Jesus – er gilt immerhin für Christen als Sohn Gottes – zu diesem Thema zu sagen hat. Viele Sachen sind in der Bibel unklar, aber in dieser Sache lässt Jesus nichts anbrennen, wie die Geschichte vom barmherzigen Samariter zeigt:

Ein Tora-Lehrer fragt Jesus, wie man das ewige Leben erlange. Auf Jesu Rückfrage hin, gibt dieser eine erste Antwort gleich selbst: «Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.» Der Mann will es aber genau wissen und fragt Jesus: «Wer ist mein Nächster?» Darauf antwortete ihm Jesus:

«Ein Mann ging von Jerusalem nach Jericho hinab und wurde von Räubern überfallen. Sie plünderten ihn aus und schlugen ihn nieder; dann gingen sie weg und liessen ihn halb tot liegen. Zufällig kam ein Priester denselben Weg herab; er sah ihn und ging weiter. Auch ein Levit (Tempeldiener) kam zu der Stelle; er sah ihn und ging weiter. Dann kam ein Mann aus Samarien, der auf der Reise war. Als er ihn sah, hatte er Mitleid, ging zu ihm hin, goss Öl und Wein auf seine Wunden und verband sie. Dann hob er ihn auf sein Reittier, brachte ihn zu einer Herberge und sorgte für ihn. Am andern Morgen holte er zwei Denare hervor, gab sie dem Wirt und sagte: Sorge für ihn, und wenn du mehr für ihn brauchst, werde ich es dir bezahlen, wenn ich wiederkomme. Was meinst du: Wer von diesen dreien hat sich als der Nächste dessen erwiesen, der von den Räubern überfallen wurde? Der Gesetzeslehrer antwortete: der, der barmherzig an ihm gehandelt hat. Da sagte Jesus zu ihm: Dann geh und handle genauso!»

Die Geschichte lässt keine Zweifel offen, wie der Kern der christlichen Botschaft – die Nächstenliebe – gelebt werden soll: Egal, wer am Boden liegt, egal, ob man ihn kennt oder nicht, egal, was für eine Herkunft oder Religion das Opfer hat, entscheidend ist nur, ob man hilft oder nicht. Auch die Religion desjenigen, der hilft oder helfen sollte, spielt keine Rolle. Mehr noch: Der «Held» dieser Geschichte ist weder der Priester noch der Tempeldiener, sondern der Samariter, ein Angehöriger einer kleinen Religionsgemeinschaft, die von den Juden damals als fehlgeleitete Abspaltung geringgeschätzt und verachtet wurde.

Wer auch immer Erich von Siebenthal den Floh ins Ohr gesetzt hat, es sei Christenpflicht, zuerst den Christen zu helfen, klar ist: In allen in der Bibel erzählten Geschichten von Jesus Christus steht genau das nicht. Und auch nichts von all dem, was seine Partei zu diesem Thema predigt. Jesus fordert nirgends Schutz vor Fremden, nirgends Verweigerung von Nothilfe und er will auch nicht, dass man Asyl nur denjenigen gewähren soll, die direkt vom Himmel (also mit dem Flugzeug) zu uns ins Land kommen. Gott sei Dank!