Gastkommentar
Wir haben die Wahl

Gastkommentar zur «Flüchtlingskrise» – und den Menschen, die hinter diesem Wort stehen.

Tatjana C. Disteli
Tatjana C. Disteli
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Das unpersönliche Wort «Flüchtlingskrise» schafft Distanz. (Symbolbild)

Das unpersönliche Wort «Flüchtlingskrise» schafft Distanz. (Symbolbild)

Keystone

Grüezi! Darf ich Sie fragen, ob Sie persönlich einen Kriegsflüchtling kennen? Nein?

Wir vergessen so schnell. Selber gehöre ich einer ur-solothurnerischen Familie an. Allerdings liegt dies im Auge des Betrachters: Mein Ururgrossvater wanderte als Vertriebener des 1. Weltkrieges in die Schweiz ein.

Mein Grossonkel hingegen verliess das geliebte Land mit Sack und Pack in Richtung Kanada, denn sie hatten schlichtweg nichts zu beissen. Heute flüchten andere noch immer mit Kind und Kegel um ihr Leben. Die Zeichnungen ihrer Kleinen sprechen Bände. Blut klebt in der Erinnerung.

Ob dieser Bilder und Lebensgeschichten vergeht auch uns das Hören und Sehen. Eigentlich wollten wir das alles lieber gar nicht wissen.

Das unpersönliche Wort «Flüchtlingskrise» schafft Distanz. Doch daraus wird leicht eine Tsunami-Welle, die uns zu erschlagen droht und jeden Pieps im Keim erstickt. Da kommt die pure Angst hoch.

Wenn uns die Ohnmacht angesichts der Millionen Geflüchteten beinahe selber erstickt, müssen wir Kopf und Herz in die Hand nehmen und all das mit der Realität abgleichen: Als ich noch klein war, besuchten Flüchtlingskinder aus der Türkei, aus Ungarn, Tibet und Vietnam meine Schule. Wir Schweizer kennen also ehemalige Kriegsflüchtlinge schon seit Jahrzehnten, bloss ist es uns meist nicht bewusst.

Wir arbeiten in derselben Fabrik, wir kaufen beieinander ein, wir suchen Ruhe im selben «Raum der Stille».

Neu ist die amtliche Tatsache, dass die solothurnischen Gemeinden bis Ende Jahr 600 Menschen aufnehmen, im Vergleich zu den rund 265 000 bisherigen Einwohnern: Langsam tröpfeln jetzt, Tag für Tag, einige Dutzend Personen über unsere Kantonsgrenzen hinein in den sicheren Hafen.

Das Salz des Meeres klebt an ihren Schuhen, das Salz der Tränen an ihrem Gesicht. Wir alle tragen Salz auf unserer Haut, ja. Aber,es gibt einen wesentlichen Unterschied: Wir Heimische haben die Wahl: Reichen wir die Hand oder bauen wir Mauern? Würzen oder Versalzen – Verbinden oder Trennen.

Die atmosphärische Grosswetterlage steht auf der Kippe. Offen deklarierter Hass ist gesellschaftsfähig geworden. Eine persönliche, bewusste Entscheidung tut Not. Es liegt tatsächlich an Ihnen und an mir, Wegweiser zu setzen.

Bloss ein bisschen freundlich sein, Vertrauensvorsprung schenken. Und, wenn nötig, auf- und einstehen, statt wegsehen. Vielleicht ein Wort oder eine Tat zur rechten Zeit. Pure Menschlichkeit eben. C’est tout.

Die innere Haltung macht den Unterschied. Naiv? Nein, realistisch! Versuchen wirs bei nächster Gelegenheit. Gibt es auch auf Ihrem täglichen Arbeits- oder Einkaufsweg diese Mutter mit dem Kopftuch oder diesen dunklen jungen Mann?

Verschenken wir ein solothurnisch-sympathisches Lächeln, und wir erleben vielleicht, wie die Sonne aufgeht und den frühen Herbstnebel vertreibt. Ein Lächeln ist ansteckend und fruchtbar. Auf diesem Boden wird der ganze nötige Rest auch noch gedeihen.

Packen wirs an, Sie und ich, hier und jetzt, ganz persönlich.

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