Stadtbummel Solothurn
Mit offenen Ohren bummeln

Schön, dass sich in unserer socialmedia-geprägten, eher «separierenden Kultur» wieder Leute zusammenfinden zu gemeinsamem Tun, und sei es nur, um Fussball zu schauen, gemeinsam Siege zu feiern und Niederlagen in Elfmeterschiessen zu verdauen.

Mark A. Herzig
Drucken
Teilen
Public Viewing in Solothurn

Public Viewing in Solothurn

Hans Peter Schläfli

Zuerst hört der Bummler von weitem ein stetes Rauschen. Dann – ein Aufschrei! Gefolgt von Aufstöhnen, Brüllen, Gekreische. Wo bleiben weitere lautmalerische Worte? Die gewieften Lesenden vermuten es: Der Stadtbummler spricht von «Uefa Euro 2016», der Fussball-Europameisterschaft, die übermorgen leider – oder endlich? – ihren Abschluss findet. Und sie merken auch, dass er nicht in die Public Viewings, welcher Grössenordnung auch immer, eindringt. Er lässt sich vorab akustisch überraschen, schaut von hinter der grossen Leinwand ins Publikum – zäumt das Pferd vom Schwanz her auf. Ganz interessante, neue Eindrücke gewinnt er so. Töne und Lautstärken verleiten ihn zu «wetten», was passiert ist: Eins zu null oder null zu eins? Die Wahrheit kommt an den Tag, wenn er dann aus der Nähe zuhört. Etwas Spannung muss sein, auch für einen quasi Fanzonenabstinenten.

Eigentlich schön, dass sich in unserer socialmedia-geprägten, eher «separierenden Kultur» wieder Leute zusammenfinden zu gemeinsamem Tun, und sei es nur, um Fussball zu schauen, gemeinsam Siege zu feiern und Niederlagen in Elfmeterschiessen zu verdauen.

Man merkt: Auch der Bummler ist nicht darum herum gekommen. Allerdings konnte, wer wirklich wollte, schon Distanz gewinnen. So hätte man zum Beispiel im «Flora» an der Weberngasse von Fernsehen ganz unbelästigt Fussball diskutieren können. Konjunktiv? Möglichkeitsform? Ein paar Unentwegte gab es.

Doch zurück auf den Akustikbummel. Bemerkenswert ruhig ist der Gang durch den kunstmusealen Pflanzblätz. Die Sachverständigen schauen in aller Ruhe zu ihrem Gemüse. Neuerdings krähen allerdings die Gockel, obwohl es dort keine Hennen gibt. Konkurrenzkampf muss halt trotz aller Kunst und aller Hennenlosigkeit und auch ohne Ball doch sein. Jedenfalls wurde kürzlich einer der Schweizerhähne von seinen Mitbewohnern dermassen gepiesackt, dass er flugs den stromgeladenen Zaun zwischen sich und die anderen brachte – was kaum im Sinn der Erfinder gewesen sein dürfte. Dessen eingedenk, schritten zwei Frauen vom St. Urbanleist ihrerseits zur Tat: Die verbliebenen Fluchtwege wurden versperrt, das Federvieh sanft, aber bestimmt gepackt und zurück in den inneren Hühnerkreis getan.

So wurde die künstlerische Performance, wie man Ausstellungen dieser Art oft bezeichnet, zum Live Act mit einem besonderen Gig – zu Deutsch: Echtzeitproduktion mit Einzelauftritt. Der Begriff «Performance» seinerseits gehört in der Betriebswirtschaft zum Risikomanagement – wohl wahr, betrachtet man das eben beschriebene Verhalten der Gockel.

Aktuelle Nachrichten