Der Geistschreiber
Make the Hanswurst great again

Der Geistschreiber zur Wiederauferstehung einer ehrbaren Theaterfigur Zum Autor: Willi Näf ist Autor, Ghostwriter und Satiriker. Der Heimwehappenzeller und Wahlbaselbieter leibt, lebt und schreibt in Bubendorf.

Willi Näf
Willi Näf
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Letzthin habe ich mich beim Lesen des Auslandteils der bz gefragt, ob es «die Hanswurst» oder «der Hanswurst» heisst. Aber es ist wohl zweierlei: «Die Hanswurst» ist vielleicht eine spezielle Wurst, «der Hanswurst» aber ein spezieller Präsident. Zur Sicherheit habe ich bei Wikipedia nachgeschaut. «Der Hanswurst ist eine derb-komische Gestalt der deutschsprachigen Stegreifkomödie seit dem 16. Jahrhundert. Als populäre bäuerliche Figur trat der Hanswurst in Stücken des Jahrmarktstheaters und der Wanderbühnen auf.»

Eine derb-komische Theaterfigur. Aus der Stegreifkomödie. Das ist eine Komödie, deren Akteure ohne Textvorgabe auf die Bühne klettern und aus dem Stegreif sprechen. Eine Art Improvisationstheater gewissermassen, gewiss die perfekte Form für einen Hanswurst: unvorbereitet reden, die Sätze schon mal unbelastet von Gedanken und mit entsprechend wenig Gewicht, Kurzgedachtes bis 140 Zeichen, und meistens sind schon die zuviel. Heute nennt man das Twittern.

Johann Wolfgang von Goethe hat nie getwittert, da er das Zeitliche noch vor der Markteinführung des iPhone gesegnet hat. Doch auch Goethe hinterliess Sätze, die wenig zum Wohle der Menschheit und besonders der Sekschüler beitrugen. 1775 schrieb er «Hanswursts Hochzeit». Wikipedia fasst das Werk wie immer angenehm unterkühlt zusammen: Triviale und grobe Witze, kaum Handlung, eine Aufzählung von Schimpfnamen und zotigen Bemerkungen.

Goethes Hanswurst ist eine «Farce, geschrieben in der grobianischen Tradition», und wer sie liest, muss ehrfürchtig konstatieren, dass der grosse Literat auch auf dem Gebiet der Ferkelei ein Meister seines Fachs war. Da will der Hanswurst sich mit der Ursel aus besserem Hause vermählen, «um auf einfache und legitime Art und Weise möglichst häufig Geschlechtsverkehr haben zu können», und sein Vormund Kilian berichtet von den aussichtslosen Versuchen, dem Hanswurst Anstand und Umgangsformen beizubringen. Der kluge Goethe stellte seinem Hanswurst immerhin einen Vormund beiseite. Der Hanswurst im Auslandteil hat nur noch Minister.

Nach meinem Abstecher in die Literatur widmete ich mich wieder den Farcen im Auslandteil mit Sultogan, Zar und Hanswurst. Im Inland- und Regionalteil übrigens fand ich keine grossartigen Hanswürste. Nur kleinartige Hanswürstchen. Und die wursteln heimeliger. Volksnäher. Die wursteln wie unsereins. Riesenhanswürste gibt es, momoll, aber im Kulturteil, und dort nennt man es nicht wursteln, sondern performen.

Goethes Hanswurstiade tauchte übrigens erst in seinem Nachlass auf, und unvollendet war sie auch. Goethe erfuhr also nie wie sein Hanswurst endete. Und wir wissen nicht, wie der grob-derbe Riesenhanswurst aus dem Auslandteil enden wird. Sicher very very great, believe me. Die Hanswürstchen aus jenem Gruselkabinett aber, das hinter ihm steht, solange die Kamera auf ihn gerichtet ist, die werden wohl durch die Hintertüre abschleichen, wenn das Improvisationstheater überstanden ist und der Vorhang fällt.