Mein Leben im Dreiland
Das Elsass ist sich selbst genug

Peter Schenk über die Selbsteinschätzung der Elsässer.

Peter Schenk
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Kaysersberg im Elsass.

Kaysersberg im Elsass.

Ruth Merz

Ich fand die Idee noch interessant und es war mal wieder eine Gelegenheit, nach Colmar zu reisen. Die Partei Modem Colmar-Rhin-Vosges hatte Journalisten aus Südbaden und der Nordwestschweiz, das war ich, sowie Politiker aus dem Territoire de Belfort und Lothringen eingeladen, darüber zu diskutieren, wie das Elsass von seinen Nachbarn gesehen wird.

Modem steht für Mouvement démocrate und ist eine zentristische Partei, die François Bayrou nach den Präsidentschaftswahlen 2007 gegründet hat. Er kam im ersten Wahlgang immerhin auf 18,6 Prozent der Stimmen. Der Modem ist keine Massenbewegung, allerdings gab es im Elsass früher eine langjährige zentristische Tradition, ja gar eine Vorherschaft, welche die der Gaullisten nach dem Zweiten Weltkrieg ablöste.

Um es gleich vorwegzunehmen: Die Moderatorin hat sich wacker bemüht, das zu verhindern, aber als zentrales Diskussionsthema landeten wir bei Zweisprachigkeit und Dialekt – so wie immer bei derartigen Diskussionen. Während das Elsass in Lothringen als Pilotregion für die Zweisprachigkeit gilt, sehen die Elsässer selbst das wesentlich kritischer. So berichtete ein Mittelschuldirektor aus einem Vogesental, dass drei Viertel der Eltern sich bei Wahlfreiheit dafür entschieden, dass ihre Kinder als erste Fremdsprache Englisch lernen sollten.

Das Hauptproblem aber ist die staatliche Erziehungsbehörde, der es in 25 Jahren nicht gelungen sei, dafür zu sorgen, dass genügend Lehrer für den zweisprachigen Unterricht ausgebildet werden. Bezeichnend ist, dass viele Elsässer nach engagierter Diskussion über den Dialekt mit grösster Selbstverständlichkeit ins Französisch verfallen. «Der Dialekt ist kaputt. Das kann man vergessen», vertraute mir beim Mittagessen eine Dame an, die sich seit langem für die Zweisprachigkeit engagiert.

Interessant fand ich, dass das Elsass in Lothringen als selbstgenügsam empfunden wird – eine Region, die die Nachbarn nicht braucht und sich, mit einer gewissen Arroganz, selbst genug ist. Kritische Bemerkungen gab es zur Gebietsreform, durch die das Elsass in der riesigen Region Grosser Osten aufgeht. Das ist vielleicht auch eine Erklärung für den Vorwurf, sich abzukapseln – ein Verhalten, das nicht aus der Stärke, sondern der Defensive entsteht.

Von links: Anne Laszlo, Tristan Denéchaud, Peter Schenk, Danièle Noël, Christophe Grudler, Bärbel Nückles.

Von links: Anne Laszlo, Tristan Denéchaud, Peter Schenk, Danièle Noël, Christophe Grudler, Bärbel Nückles.

Zur Verfügung gestellt

Klar war allen auf dem Podium, aber auch dem Publikum, dass das Elsass in den letzten Jahrzehnten massiv an Reichtum und wirtschaftlicher Prosperität verloren hat. Das hängt auch mit der Zweisprachigkeit zusammen. Weil immer weniger Elsässer Deutsch und/oder Dialekt sprechen, sind insbesondere die Grenzgängerzahlen in Richtung Deutschland im freien Sinkflug, zur Nordwestschweiz halten sie sich zumindest noch einigermassen.

Auch die Aussage, dass die elsässischen Gastronomen und Winzer sich zu sehr auf ihren Lorbeeren ausruhen und sich nicht mit dem Angebot aus Südbaden messen können, stiess nicht auf Widerspruch. Auch hier verbirgt sich die Sprachenfrage. Die Elsässer Gastronomen suchen wegen der Schweizer Gäste händeringend Personal, das Deutsch spricht. Haben Sie jemanden gefunden, gibt es ein Problem. Eins, zwei, drei wird die Perle abgeworben und arbeitet zu besserem Lohn in der Schweiz.

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