Persönlich
Das 10er-Tram und ich

Leif Simonsen
Leif Simonsen
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Das 10er-Tram führt ins Hintere Leimental.

Das 10er-Tram führt ins Hintere Leimental.

Heinz Dürrenberger

Das 10er-Drämmli. Es brachte mich in die Schule, ins Training und später in den Ausgang. Ich kannte alle Chauffeure – und die Kontrolleure sowieso. Insgesamt bin ich in meinem Leben zweieinhalb Monate Tram gefahren. Das habe ich bei einer Tramfahrt ausgerechnet. Die Beziehung zum 10er ging in Brüche, als ich von Rodersdorf wegzog. Und flammt jetzt wieder auf, da viele meiner Freunde aufs Land zurückkehren. Wenn ich sie besuche, dann tauche ich ein in die Vergangenheit. Jeden Kieselstein kenne ich entlang dieser Strecke. Jede Veränderung sticht mir ins Auge.

Am auffälligsten ist es in Flüh. Heute ist ein Imbiss, wo früher mein Friseur seinen Salon hatte. Herr Gallati wird sich nicht mehr an mich erinnern, ich hingegen durchlebte emotionale Höllenritte auf seinem Stuhl. Bereits meine erste Begegnung mit ihm ist unauslöschlich. Ich war acht, vielleicht neun, als ich erstmals alleine zum Coiffeur geschickt wurde. Ich könne schliesslich schon allein Tram fahren, sagte meine Mutter. Was ich ihm denn sagen müsse, fragte ich. Sie antwortete: «Sag: Deckhaare lang.» Denn so würde ich doch mein Haar am liebsten tragen.

Schmerzlich musste ich bei Herrn Gallati erfahren, dass das ganz und gar nicht eine brauchbare Anweisung ist. «‹Deckhaare lang› ist keine Frisur», sagte er. «Wie willst du die Haare hinten und auf der Seite»? Ich war ratlos, sagte, ich wüsste es nicht und müsste nochmals nach Hause gehen, um nachzufragen. Herr Gallati tröstete mich und meinte, das schaffen wir alleine; und in der Folge versetzte er mir, was er unter sommertauglicher Frisur verstand: einen kompromisslosen Bürstenschnitt. Hässlich, aber stolz verliess ich das Lokal und kaufte mir vom Tramgeld Fussballbildli am Kiosk. Angst vor den Kontrolleuren musste ich auf dem Heimweg keine haben. Ich kannte sie ja alle.

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