Tierschutz
Was kriegten die Tiger bei Noah?

Ludwig Hasler über einen Tierschutz, der dazu neigt, Tiere abzuschaffen.

Ludwig Hasler
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Wie geht der Mensch mit Tieren um?

Wie geht der Mensch mit Tieren um?

Walter Zoo Gossau SG

Eigentlich möchte ich hier von Elefanten reden, die nicht mehr in den Zirkus Knie dürfen. Ich glaube, die sind jetzt traurig. Doch ich verstehe nichts von Elefanten. Also rede ich drumherum.

Winston Churchill neigte zu Sentimentalitäten. Sah er im Kino Szenen tragischer Liebe oder argen Unrechts, verdrückte er oft eine Träne. Auch bei «Quo Vadis», diesem Monumentalschinken, wo hilflose Christen von Löwen zerfleischt werden. Churchill wischte sich die Augen. Als es einer sah, fauchte der Alte: Er weine, weil einer der Löwen keinen Christen abbekommen habe.

Man muss auch mal an die Löwen denken. Kriegen sie keinen Christen, brauchen sie eine Giraffe. Remember Kopenhagen 2014, im Zoo, der Giraffenbulle Marius passte nicht in die Sippe, kam bullenmässig nicht zum Zug, also Bolzenschuss. Danach der «Skandal»: Vor den Besuchern wurde das Tier zerteilt und an die Löwen verfüttert.

Wie geht der Mensch mit Tieren um? Giraffen, die er nicht mehr braucht, verfüttert er an Löwen. Shitstorm! Wie aber geht das Tier mit Tieren um? Die Löwen im Zoo von Kopenhagen frassen die Giraffe umstandslos, ja begeistert. Was soll im Zoo abgehen? Natur. Eben, so läuft es in der Natur nun mal: Fressen und gefressen werden. Tod inklusive. Sogar für Giraffen, diese Sympathieträger. Meist kriegen Löwen Schweinefleisch, da ist die Akzeptanz des Publikums grösser. Irgendein Tier muss der Löwe fressen. Vegetarisch sind nicht einmal die Katzen in meinem Garten, die fressen die herzigste Blaumeise (falls Elstern nicht schon die Brut verspeist haben).

Bitte kein Missverständnis: Wer Tiere nicht liebt, hat seine Seele aus Versehen bekommen. Aber bitte keine verdrehte Tierliebe. In New York sind ein paar Dutzend Pferde mit Kutschen unterwegs. Der Bürgermeister wollte sie aus dieser «Grausamkeit» befreien, Pferdekutschen verbieten. Diese Art Tierschutz schützt Tiere nicht, sondern schafft sie ab. Wo wären die Pferde? Auf der grünen Wiese? Beim Metzger. Bessert das Stierkampf-Verbot das Leben der Stiere? Es fördert ihr Aussterben. An ihrem Leben lässt sich wenig verbessern. Kaum ein Tier hat es besser als ein Kampfstier in seinen herrlich freien Jahren auf der spanischen Hochebene – vor dem Tod in der Arena.

Entscheidet die Qualität der Lebenszeit? Dann wäre nicht der Tod der Skandal, sondern ein gewaltsam verhindertes Leben: Käfighühner, Hamster im Kinderzimmer, Primaten in Tierversuchen. Seit wir den Wohlstand als Naturrecht betrachten, wächst jedoch die Sehnsucht nach dem Paradies auf Erden, der Traum der Versöhnung von Kultur und Natur, diese schöne Vorstellung, jedes Lebewesen sei unterwegs mit Anspruch auf Glück, auf Freiheit, auf Selbstbestimmung, es lebe ganz nach seiner Art, ungehindert durch andere, frei von Angst, Schmerz, Zwang – bis ans Ende seiner Tage.

Es ist der Traum einer Existenz ohne Schuld. Schon die griechischen Philosophen sahen das umgekehrt: Kaum geboren, bin ich schon schuldig. Eben weil ich existiere, weil ich da bin (und nicht andere), weil ich andere verdränge, mich bei anderen bediene. Dagegen rebelliert der Traum vom Leben in Unschuld: Alle leben friedlich neben- & miteinander, komplett idyllisch. Bloss: wovon? Ich fragte schon in der Schule, als die Arche Noah dran war: Was kriegten da die Löwen? Gemüse? Woher denn? Evolution ist keine Toleranz-Party, Leben lebt vom Leben. Es gibt kein interstellares Catering. Ergo: Wenn ich lebe, bezahlen stets andere dafür.

Die Frage ist wie. Der Hinweis auf Evolution rechtfertigt nicht jede Ungeheuerlichkeit. Beispiel Angola. Wie ist dort die Wirtschaftsmacht Europa gegenwärtig? Brunnenprojekte? Solarzellen? Hühnerbeine! Abertausende Hühnerbeine aus Europas riesigen Schlachtfabriken: der Ausschuss, die C-Ware, in europäischen Supermärkten nicht verkäuflich, in Westafrika in allen grösseren Städten erhältlich, zu Dumpingpreisen. Was – nebenbei – örtliche Landwirte ruiniert.

Das rechtfertigt keine Evolution. Obwohl – im Prinzip – gilt: Beim Essen hat immer jemand das Nachsehen. Wer Beeren pflückt, nimmt sie den Vögeln weg. Wer einen Acker anlegt, zerstört den Lebensraum ungezählter Tiere. Einer bezahlt stets die Rechnung. Ich wünsche mir, die Rechnung beim Fleisch falle hoch aus. Nur so bleibt mein Wunsch realistisch, dass die Tiere vor ihrem Tod prächtig leben. Je höher der Preis, umso besser das Leben!

Der Autor ist Kolumnist in Fachzeitschriften für Management und Kommunikation, Referent für Fragen der Zeitdiagnostik. Sein jüngstes Buch: «Des Pudels Fell. Neue Verführung zum Denken».