Replik 1.-August-Rede
Stehen Sie für Toleranz ein!

Eine Replik von Martin Mosimann, ehemaliger Lehrer für Deutsch und Philosophie an der Kantonsschule Baden und promovierter Germanist, zu Thomas Hürlimanns 1.-August-Rede «Toleranz ist ein anderes Wort für Feigheit».

Martin Mosimann
Martin Mosimann
Drucken
Teilen
Martin Mosimann: «Die Menschenrechte, die Gleichstellung der Geschlechter, die Meinungsfreiheit oder die Idee der Toleranz anzugreifen, ist unter keinem Titel zulässig.»

Martin Mosimann: «Die Menschenrechte, die Gleichstellung der Geschlechter, die Meinungsfreiheit oder die Idee der Toleranz anzugreifen, ist unter keinem Titel zulässig.»

Keystone

Thomas Hürlimann posaunt es geradezu in die Welt hinaus: «Ich sage es laut: Toleranz ist ein anderes Wort für Feigheit.» Die undifferenzierte Aussage des Schriftstellers steht in einer Rede zur Lage der Nation, welche die «Schweiz am Wochenende abgedruckt hat. Damit, dass man selbst ein paar Bücher geschrieben hat und den rumänischen Aphoristiker Emil M. Cioran zitieren kann («Toleranz ist ein Kennzeichen von Schwäche, eine Koketterie von Sterbenden.»), ist es aber nicht getan.

Man muss den Begriff Toleranz sorgfältig durchdenken, und erst wenn man begriffen hat, was sich für paradoxe und dann auch menschliche Herausforderungen mit gelebter Toleranz einstellen, hat man das Recht, sich dazu zu äussern. Dabei lohnt sich auch die Lektüre von Rainer Forsts Studie «Toleranz im Konflikt».

Das, woran Hürlimann offenbar Anstoss nimmt – irgendwie alles gelten zu lassen –, stellt ja gar keine Toleranz dar, sondern Indifferenz; und das Problem dabei ist nicht Toleranz, sondern der fehlende Mut, für die Bedeutung, die einem lieb ist oder richtig erscheint, einzustehen.

Wirkliche Toleranz sieht vielmehr (in ein Bild gefasst) so aus: Ich (als Mitglied des Indianerstammes A) bin der Überzeugung, dass die Weltachse genau durch das Zelt unseres Medizinmannes geht. Ich stelle nun fest, dass die Mitglieder des Indianerstammes B die absurde Idee haben, dass die Weltachse in Wirklichkeit genau das Zelt ihres Medizinmannes durchlaufe.

Das kann ja nicht möglich sein, weil es bloss eine Weltachse geben kann. Was liegt da näher, als die Köpfe jener Indianer, die etwas so Absurdes glauben, einzuschlagen – es kann doch nur, wie es scheint, eine Wahrheit geben?

Wirkliche Toleranz besteht nun aber darin, dass ich a) zwar meine Überzeugung immer weiter für richtig halte und zu ihr stehe, also nicht einfach indifferent werde, b) den Vertreter des Indianerstammes B aber leben lasse: Zwar vertritt er (von mir aus gesehen) absurde Vorstellungen, aber ich achte ihn – und das ist nun das zutiefst Menschliche an Toleranz – als einen Menschen, der wie ich Bedeutung sucht.

Und mit ihm achte ich gleichzeitig auch die Vielfalt dessen, was Menschen glauben; und am Ende weiss ich ja selbst nicht wirklich ganz sicher, ob die Weltachse wirklich durch das Zelt meines Medizinmannes geht. Das hat aber natürlich nicht zur Folge, dass mir diese Auffassung nicht lieb sein soll oder ich stattdessen die Auffassung des Indianerstammes B übernehmen muss. Ich soll stattdessen meiner Überzeugung treu bleiben, obwohl andere anderes glauben, und auf mich nehmen, dass es in Bezug auf wichtige Fragen verschiedene Vorstellungen gibt.

Im gleichen Sinne kann ich als Protestant oder Atheist die Missa Solemnis von Ludwig van Beethoven als gross und tief empfinden (ohne Katholik werden zu müssen); zulassen, dass manche Menschen seltsamerweise schon den Samstag heiligen statt den Sonntag; akzeptieren, dass manche Menschen kein Schweinefleisch essen, und ich muss auch aushalten, dass sich im Stadtpark zwei Männer küssen (auch wenn mir das fremd erscheint).

Umgekehrt kann mich natürlich auch niemand zwingen, selbst kein Schweinefleisch mehr zu essen oder (als Mann) Männer zu küssen. Als toleranter Mensch darf ich Dinge durchaus seltsam oder verfehlt oder sogar abstossend finden – ich darf den anderen nur nicht dazu zwingen, meine Sicht der Dinge zu übernehmen.

Sicher aber werde ich keine Toleranz mehr zeigen, wenn jemand zu Ehren seines Heiligen Buches oder Gottes tötet oder Frauen verachtet oder Mädchen «beschneidet» oder Toleranz verächtlich macht. Die Menschenrechte, die Gleichstellung der Geschlechter, die Meinungsfreiheit oder die Idee der Toleranz anzugreifen, ist unter keinem Titel (Heiliges Buch, angeblich «alte Tradition», «bei ihnen gehört das halt zur ‹Kultur›...») zulässig.

So: Und was soll an all dem «feige» oder «verlogen» sein? Für Toleranz einzustehen, sich dem Schmerz zu stellen, dass nicht alle Menschen das Gleiche für richtig erachten wie ich – auch Dinge nicht, die mir teuer sind, – und umgekehrt sich nicht in Indifferenz flüchten oder sich gar einreden zu lassen, dass gewisse Heilige Bücher oder Götter die Menschenrechte ausser Kraft setzen dürfen? Toleranz ist nicht «verlogen», sondern durch und durch paradox; und weil sie das ist, setzt sie ganze und integre Menschen voraus.

Aktuelle Nachrichten