Gastkommentar
Star-Pädagoge Jürg Jegge: Vom Sockel des Zeitgeists gestürzt

Marianne Binder-Keller
Marianne Binder-Keller
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Sein Werk «Dummheit ist lernbar» wurde zum Bestseller: Jürg Jegge.

Sein Werk «Dummheit ist lernbar» wurde zum Bestseller: Jürg Jegge.

Enzo Lopardo Zürcher Regionalzeitungen ZRZ

Vor ein paar Tagen fiel in Zürich der letzte Vorhang zum Missbrauchsdrama Jürg Jegge, das einen der schillerndesten und gefeiertsten Pädagogen der Schweiz vom Sockel stürzte. Ein Sockel, den ihm seine Zeitgeistgenossen in den Siebzigerjahren errichten, nachdem er mit seinem Buch «Dummheit ist lernbar» einen Verkaufsschlager gelandet hatte, der seinesgleichen suchte. Es machte Jegge unantastbar.

Der Pädagoge wurde zum Mythos, und auch in Teilen unserer Lehrerschaft an der Mittelschule herrschte helle Begeisterung. Das Buch war in unserer Klasse Pflichtlektüre, man sollte Jegges Vorträge besuchen, und wer bei der Nachbesprechung dumme Sprüche klopfte – beispielsweise wie das gehen sollte, dass ein Knabe, der keinen Buchstaben kannte, nach wenigen Tagen Begegnung mit dem Meister flüssig lesen konnte – wurde abgekanzelt. So viel zur autoritären Verordnung des Antiautoritären von in der Wolle gekochten 68ern.

Zur Autorin

Marianne Binder-Keller, Kommunikationsberaterin und ehemalige Lehrerin, ist Grossrätin und Präsidentin der CVP Aargau.

Ich zitiere aus einer Zusammenfassung, die ich damals ablieferte: «Ich versteh nicht, weshalb ich ein Buch kaufen musste, das man eigentlich nach dem Titel weglegen kann. Summerhill fand ich, wenn schon, spannender.» An einer anderen Stelle schrieb ich: «Ich würde mich als Schülerin bedanken über einen Lehrer, der mich in einem Buch blossstellt. Haben die Kinder eigentlich ihr Einverständnis dazu gegeben? Verdienen sie auch etwas damit?» Und weiter: «Ich habe gemeint, ich werde Lehrerin. Soll ich jetzt auch noch Kinder therapieren? Dafür gibt es Schulpsychologen.»

Meinen ganzen Aufsatz kann man sich ersparen, er war zugegebenermassen alles in allem nicht sehr gehaltvoll. Und auch ziemlich intuitiv. Aber zu meiner Verteidigung muss ich sagen: Ich war 17 und der Widerstand gehört in diesem Alter zum Programm. Mich störte – und ich war nicht alleine – der Hype um Thesen, die man kaum hinterfragte. Die Skepsis hat mich nie verlassen. Doch wenn der Missbrauchsskandal jetzt auch dazu führt, das Buch tabulos im neuen Lichte zu lesen, ist etwas erreicht.

Nachdem die hochgefeierten «Erziehungsmethoden», Kinder zu missbrauchen, strafrechtlich keine Konsequenzen haben, die Ereignisse sind verjährt, hat die Zürcher Erziehungsdirektion den tiefen Fall von Jürg Jegge nun auch politisch aufgearbeitet. Für die Gründlichkeit verdient sie Respekt: Dass Behörden jahrelang wegsahen, wenn doch alle Zeichen darauf hinwiesen, dass vieles nicht mit rechten Dingen zuging. Dass Jürg Jegge gar nicht über die richtige Ausbildung verfügte. Dass die Erfolgsbilanz fehlte. Dass man sich nicht um die Kinder kümmerte, sondern sich blenden liess von ihrem Lehrer, der schrankenlose Macht über sie ausübte.

Die Erkenntnisse erschüttern. So, wie einen das Ausüben von Gewalt Erwachsener gegenüber Kindern und Schutzbefohlenen immer aufwühlt, geschehe dies in Familien, in Vereinen, in den Kirchen. Das Leiden dieser Kinder ist unermesslich. Aus Scham oder Loyalität gegenüber ihren Betreuern schweigen sie, tragen ihr Trauma mit sich, oft ein Leben lang, und wenn sie spät ein Outing wagen, um sich zu befreien, ernten sie oft auch Unverständnis: wieso schlafende Hunde wecken?

Am schockierendsten empfand ich jedoch das mangelnde Unrechtsbewusstsein Jürg Jegges selbst, der in einem Interview mit der NZZ sagte, er sei der Überzeugung gewesen, dass eine derartige Sexualität einen Beitrag leiste zur Selbstbefreiung und zur persönlichen Weiterentwicklung der Schüler. Er verwies auf den Zeitgeist, was alt Bundesrat Moritz Leuenberger empört in einer Stellungnahme zurückwies. Nicht ganz zu Recht. Und auch etwas selbstgerecht. Man denke an Roman Polanski, Daniel Cohn-Bendit, die Odenwaldschule. So setzt sich ja auch der Bericht der Zürcher Erziehungsdirektion mit der Frage nach dem Zusammenhang mit den 68ern auseinander. In radikaler Ablehnung der bestehenden Erziehungsmethoden von Zucht und Ordnung wurde auf Nähe und Beziehung gesetzt. Und wehrlose Kinder gerieten zu Versuchsobjekten.

Die Siebziger zu verteufeln, wäre jedoch alles andere als gerecht. Niemand will zurück zu den alten Erziehungsformen. Der Aufbruch hat zu der Schule geführt, die wir heute haben. Eine Schule, welche das Kind ins Zentrum setzt, es ernst nimmt, die individuellen Stärken fördert und zu Lehrpersonen, die Hervorragendes leisten. Dafür gebührt ihnen, und das sei hier besonders gesagt, grosse Anerkennung. Und Dank.