Kolumne zu Heimatstolz
Social-Media-Star Gülsha Adilji: «Make the brain great again»

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Gülsha Adilji ist Social- Media-Star, Moderatorin und D-Promi. Aufgewachsen ist sie in Uzwil SG. (Archivbild)

Gülsha Adilji ist Social- Media-Star, Moderatorin und D-Promi. Aufgewachsen ist sie in Uzwil SG. (Archivbild)

KEYSTONE/PHOTOPRESS/ALEXANDRA WEY

Ich kann überhaupt nicht nachvollziehen, wie sich patriotische Gefühle bilden, woher sie kommen und was ihre Hobbys oder Krankheiten sind. Als Tochter eines Albaners, der in Serbien geboren und aufgewachsen ist, und einer Türkin aus dem Kosovo war Nationalstolz grad irgendwie nicht verfügbar für mich.

Auf dem Pausenplatz muss man jedoch ziemlich schnell Farbe bekennen und erklären, was man ist beziehungsweise woher man kommt. Na ja, aus Niederuzwil, was aber keine befriedigende Antwort für meine Mitschülerinnen war. Und so musste ich mich schon sehr früh mit dem Thema Heimat, Herkunft und Hirnvirus auseinandersetzen.

Ausschalten von Denkvorgängen schürt Angst vor Fremdem

Die Definition seiner selbst – seines eigenen Seins – über eine von Menschenhand willkürlich gezogene oder blutig erkämpfte Landesgrenze ist meines Erachtens sehr abstrakt, unlogisch und wohl nur bei geringer Selbstreflexion möglich. Oder aber die Folge eines unbeabsichtigten, schleichenden Virusbefalls.

Symptome dieser Infektion sind unironisch getragene Edelweiss-Blüsli, die Doppelkopf-Adler-Halskette oder eine im Schrebergarten gehisste gelb-rote Fahne. Lebensgefährlich wird die Situation, wenn es zu einer Epidemie kommt; so wie das vermutlich in Amerika der Fall war, als der Trump-Virus den Stoffwechsel einer beinahe gesamten Bevölkerung veränderte.

Die infektiösen Partikel werden also auch gezielt kultiviert und verbreitet zu politischen Zwecken. Denn nur, wer durch Ausschalten wichtiger Denkvorgänge anfängt, in Grenzen zu denken, kann sich bedroht fühlen von Dingen auf der gegenüberliegenden Seite dieser Grenze. Aus diesem Grund sollte man sich immer mal wieder einem Virus-Check unterziehen und sich die eine oder andere Frage stellen, wann auch immer irgendjemand irgendetwas von Heimatstolz sagt oder an unsere Vaterlandsliebe appelliert.

1. Wie lange muss man in einem Land leben, um darauf stolz sein zu dürfen?

2. Hat ein vierjähriges Kind mehr Anrecht auf Vaterlandsliebe als ein Erwachsener, der vor vier Jahren eingewandert ist?

3. Hat Nationalstolz mehr Menschenleben gefordert oder Tore in Länderspielen eingebracht?

4. Wie viel Sinn machen Grenzen in einer globalisierten Welt inklusive Internet?

5. Glauben Sie, dass ein Deutscher Schäferhund stolz ist, deutsch zu sein?

6. Wenn ein System auf dem geschundenen und blutigen Rücken von Menschen aufgebaut ist,

sollte man es dann abreissen und neu aufbauen?

7. Was ist wichtiger: die Unantastbarkeit der Menschenwürde oder keine überfüllten
S-Bahnen?

8. Gibt es Landeszugehörigkeiten, auf welche man besser nicht stolz sein sollte?

9. Kann man stolz sein auf einen Stein, der in einem See liegt?

10. Ist es Zufall, wo man geboren wird?

11. Darf man den Zufall über sein Leben entscheiden lassen?

12. Was bedeutet es, Schweizerinnen, Schweizer zu sein?

13. Gibt es klar definierte Eigenschaften, die man «seinem» Land zuordnen kann?

14. Wie erklären Sie einem Ausserirdischen den Unterschied zwischen der Westschweiz, Belgien und Frankreich?

15. Wie lange dauert es, bis man eine Eidgenossin, ein Eidgenosse wird? Wie wird man es?

16. Ist es lächerlich, wenn jemand stolz ist, ein Mensch zu sein?

17. Ist es lächerlich, wenn jemand stolz ist, ein Weltbürger zu sein?

18. Ist Stolz eine genetisch bedingte Emotion oder wurde sie uns anerzogen?

19. Worauf sind Kinder stolz?

Landesgrenzen werden häufig ohne Auftrag, manchmal unberechtigt und oft nach dem Ermessen uns völlig Unbekannter bestimmt – vielleicht ja sogar von Leuten mit virusbefallenen Köpfen.

Wir müssen die Grenzen nicht gleich mit brennenden Fackeln niederreissen, aber vielleicht können wir sie etwas entspannter werten. Sie könnten als lose Empfehlung dienen, sich flexibel und vernünftig der Gesellschaft, der Philosophie und der Wissenschaft anpassen und nicht einer starren und steifen Struktur gleichkommen. Ein Grippe-Impfstoff muss schliesslich auch jedes Jahr aufs Neue der Evolution des Virus angepasst werden.

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