US-Wahlen
Not the women, stupid!

Kolumne zur Nicht-Wahl von Hillary Clinton.

Susanne Wille
Susanne Wille
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Es reicht nicht für Hilary Clinton.

Es reicht nicht für Hilary Clinton.

EPA

Auch der 45. Präsident der USA ist ein Mann. Wurde Hillary Clinton nicht gewählt, weil sie eine Frau ist ? «Not the women, stupid!» Nein, die Wahlen hat nicht primär die Geschlechterfrage entschieden. Zwar war sie ein wichtiges Thema, aber nicht das entscheidende. Globalisierungs- und Verlust-Ängste, Establishmentkritik, Hoffnung auf einen Neuanfang hatten mehr Gewicht. Also doch wieder: «The economy, stupid!»? Diesen inzwischen überstrapazierten Spruch kennen wir aus dem Wahlkampf von Bill Clinton 1992. Eine pikante Fussnote der Geschichte, dass 24 Jahre später seine Frau auf den letzten Metern ins Oval Office an dem scheitert. Auch weil sie den Graben in der amerikanischen Gesellschaft unterschätzt hatte, wie sie am Wahltag eingestehen musste.

Inzwischen ist eine Mrs. President grundsätzlich vorstellbar

Ja, es war ein historischer Tag, der Mittwoch. Und ja, auch ein historischer für die Frauen. Denn die Nichtwahl Clintons schickt die Frauen wieder zurück – nicht gerade in die Küche –, aber so doch weiter in den präsidialen Wartesaal. Man denke nur, wie oft das Weisse Haus im Zentrum eines Buches oder Filmes war. Auffallend: Lange tauchte die Figur der Präsidentin nur in Komödien auf. Ein weiblicher commander-in-chief? Ein Witz. In «Kisses for my president» von 1964 etwa dreht sich alles um die Befindlichkeit des Mannes an der Seite der Präsidentin. Statt eine Staatskrise zu meistern (die löst ihr Gatte by the way), fällt die Präsidentin in Ohnmacht, weil sie schwanger ist. Mit der häuslichen Seite bleibt die Figur fürs Publikum akzeptabel. Politik und Macht ohne mütterlichen Touch wäre zu viel Tabubruch gewesen. Gut, sind wir hier einen Schritt weiter.

Als ich 1992 den Wahlkampf von Bill Clinton in meiner Gastfamilie bei San Francisco verfolgte, war es zugegeben auch für mich – trotz Thatcher – noch nicht vorstellbar, dass die Frau an der Seite des Kandidaten dereinst auch selber Kandidatin sein könnte. Inzwischen ist eine Mrs. President grundsätzlich vorstellbar. Und doch: Das reicht nicht. Zwischen Vorstellung und Realität klafft eine Lücke. In einem Kommentar in den sozialen Medien schrieb ich vor dem 8. November: «Mind you. Da könnte zum 1. Mal eine Frau Präsidentin werden, und wir reden immer noch meist von ‹Wahlmännern›». Mein Kommentar stiess auf Zustimmung, aber auch auf Ablehnung. Das seien doch einfach unnötige Problemchen, so die Kritik. Nein, es sind keine Problemchen. Does it make a difference? Yes, it does. Die Sprache prägt die Wahrnehmung. Unsere Töchter und Söhne schaffen sich eine Welt entlang der Sprache. Orientieren sich bewusst und unbewusst daran. Und handeln entsprechend. Solange in den Medien der Begriff «Wahlmänner» dominiert und dies, obwohl längst auch Frauen im electoral college sitzen, herrscht der Eindruck vor, Politik sei nur in Männerhand. Entscheidungskompetenz sei nur in Männerhand.

Ich hoffe auf den Tag, an dem das Historische selbstverständlich wird

Unsere Töchter und Söhne schaffen sich eine Welt auch entlang von vorgelebten Rollen. Darum wird dereinst die erste Präsidentin ihnen beweisen, dass es nicht nur denkbar, sondern auch machbar ist, die Geschicke der Supermacht USA in weibliche Hände zu legen. Und dabei geht es mir in keiner Weise um Parteizugehörigkeit oder Parteipolitik. Es geht auch nicht um die Frage, ob die Welt besser wäre mit mehr Frauen an der Spitze. Solche Fragen nach einem weiblichen Führungsstil langweilen mich eher. Es fehlt hier schlicht die statistische Grundlage. Solange wir nicht mehr Frauen in den höchsten politischen Ämtern haben, wissen wir nicht, ob weiblicher Führungsstil etwas ändert.

Es geht um etwas anderes: um das Formen von neuen Wirklichkeiten. Ich verstand damals die Aufregung um eine Frauenmehrheit im Bundesrat nicht. Alleine die Tatsache, dass Frauen im Bundesrat eine Debatte auslösten, zeigte uns, dass noch einiges zu tun bleibt in Sachen Gleichberechtigung. Und genau deshalb hoffe ich, dass wir uns dereinst gar nicht mehr fragen müssen, wann denn nun eine Frau US-Präsidentin wird. Ich hoffe auf den Tag, an dem das Historische selbstverständlich wird. Dann könnten wir uns nämlich endlich wieder aufs Wesentliche konzentrieren. Alleine auf das, was ein «president elect» politisch draufhat. Und auf die 3 Ks, auf die es in einem solchen Amt auch drauf ankommt. Können, Klugheit, Kompetenz. Einverstanden?

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