Kolumne
No-Billag-Initiative: Welsche TV-Leute fürchten, dass sie ein Tsunami aus der Deutschschweiz hinwegfegt

Autor Peter Rothenbühler bezweifelt in seiner Kolumne, dass die No-Billag-Initiative eine Chance auf der anderen Seite des Röstigrabens hat.

Peter Rothenbühler
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Die Gewerbekammer, das Parlament des Schweizerischen Gewerbeverbandes, hat ein Ja zur No-Billag-Initiative beschlossen. (Themenbild)

Die Gewerbekammer, das Parlament des Schweizerischen Gewerbeverbandes, hat ein Ja zur No-Billag-Initiative beschlossen. (Themenbild)

KEYSTONE/JEAN-CHRISTOPHE BOTT

In der Kantine des Fernsehhochhauses am Quai Ansermet in Genf geht die Angst um: Die No-Billag-Initiative ist tägliches Tischgespräch. Die welschen Fernsehleute fürchten, dass eine Art riesige Tsunamiwelle aus der deutschen Schweiz das welsche Radio- und Fernseh-Unternehmen RTS schlicht wegputzen könnte. Und damit die Mehrheit der welschen Medienleute arbeitslos machen würde. Denn die RTS-Sender beschäftigen im Welschland mehr Journalisten als alle Zeitungen zusammen. Und wer einmal bei der RTS ist, bleibt immer bei der RTS. Alternativen gibt es nicht. Im TV-Bereich überleben ein Dutzend budgetschwache Lokalsender nur dank einem saftigen Zuschuss an Konzessionsgebühren. Die Zeitungsverlage, auch solche in Zürcher Hand, denken zurzeit eher an Entlassungen. Und in Frankreich findet selten ein Romand eine Anstellung. Die Angst geht also zu Recht um.

Gleichzeitig herrscht nicht nur in der TV-Kantine, sondern eigentlich überall im Welschland die Gewissheit, dass hier die No-Billag-Initiative keine Chance hat. Die Debatte verläuft verhaltenund keinesfalls gehässig. Kaum ein Politiker wagt es, sich klar und deutlich für die Aufhebung der Radio- und Fernsehgebühren auszusprechen.

Bei einem Abbau kämen das Tessin und die Westschweiz zuerst dran

Und das hat vielfache Gründe: Erstens weiss man, dass die Westschweiz und das Tessin eigentlich die grossen Profiteure des heutigen Verteilschlüssels sind und bei einem erzwungenen Abbau zuerst drankämen. Zweitens ist der vergiftete Kleinkrieg zwischen Zeitungsverlegern und SRG ein stark deutschschweizerisches Phänomen, wo Verleger mit grossen Ambitionen im elektronischen und digitalen Bereich seit Jahren unter der aggressiv ausgebauten Machtstellung der SRG gelitten haben. Ambitiöse private Fernseh- und Radioprojekte wurden durch den Gesetzgeber verunmöglicht oder zum Scheitern gebracht. Die Vermarktungsallianz Admeira von Swisscom, Ringier und SRG hat auch nicht gerade zum Frieden beigetragen. In der Westschweiz hat nur ein- mal ein mutiger Verleger, der «La Suisse»-Herausgeber Jean-Claude Nicole, schon in den Sechzigerjahren von einem nationalen Fernsehsender geträumt.

Dann kann man auch feststellen, dass die Westschweizer seit je ein innigeres Verhältnis zu ihren RTS-Radio- und Fernsehsendern haben, die heute eigentlich die einzige gesellschaftliche Klammer für die untereinander so verschiedenen Kantone darstellen. Man darf auch behaupten, dass die Westschweizer Programme näher bei den Menschen sind. Man vergleiche nur mal, wie die Menschen am Radio angesprochen werden: Im Welschland sprechen auch im zweiten Programm, im Kultursender, normale Menschen in normaler Sprache mit normalen Menschen, und zwar so, dass es jeder versteht. Im ersten Programm käme niemand auf die Idee, die News in diesem alarmierenden Zweitweltkriegs-Stakkatoton zu verlesen, den man in der deutschen Schweiz immer noch hört.

Das Radio ist auch bei den Politikern sehr beliebt

Land und Leute werden vom Fernsehen in qualitativ exzellenten, prima gefilmten Magazinsendungen wie «Passe-moi les jumelles» (gebt mir den Feldstecher) dargestellt. Und der Samstagabend gehört Gesang, Musik und leichter Unterhaltung. Es sind biedere Shows, die nicht versuchen, die grossen Kisten aus Paris nachzumachen. Integrierend wirken die TSR-Sender auch politisch. Das tägliche politische Newsformat «Forum» des Radios lädt zu jedem wichtigen Thema eine sorgfältig austarierte Auswahl von Politikern ein, die immer ausreden und sich beliebig wiederholen dürfen. Deshalb ist das Radio auch bei den Politikern sehr beliebt.

Nicht zu vergessen die eminent wichtige Rolle des Humors: Täglich darf die Crème der Humoristen über Mittag an der anderthalbstündigen Spielsendung «Les Dicodeurs» im Radio mit diversen Sketchs teilnehmen. Und am Fernsehen macht das Komikerduo Vincent Kucholl und Vincent Veillon jeden Samstagabend mit seiner Sendung «26 Minutes» Furore. Niemand von Bedeutung hat im Welschland das Gefühl, von Radio und Fernsehen vernachlässigt zu werden. Natürlich hat jeder etwas zu kritisieren, passt dem einen die Nase dieses oder des andern Moderators nicht. Aber wenn man bedenkt, dass die Romands generell fast so grosse «Raleurs» (Stänkerer) sind wie die Franzosen, bleibt die Kritik an der SRG hier wahrlich sehr, sehr verhalten. Man hat sich gern. Noch.

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