Homosexuelle
Leihmutterschaft ist wie Jazz

Kolumne von Gülscha Adilji zur Frage der Rechte und Pflichten von Homosexuellen.

Gülscha Adilji
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Dürfen Homosexuelle ein Baby über eine Leihmutter bekommen?

Dürfen Homosexuelle ein Baby über eine Leihmutter bekommen?

KEYSTONE/EPA/ALEX HOFFORD

Haben Sie auch Arena geschaut? Falls nicht: Es ging vorletzten Freitagabend in der Sendung darum, ob homosexuelle Paare in der Schweiz mit denselben Rechten und Pflichten heiraten dürfen wie Heteros, oder ob sie auf dem Status der eingetragenen Partnerschaft so lange verharren müssen, bis alle Gesetze im Heute angekommen sind. In der Sendung waren ein paar Leute dafür, ein paar dagegen.

Es waren literally auch noch ein paar Paare eingeladen, gleichgeschlechtliche Paare – vermutlich, um zu zeigen, dass die heutzutage ganz normal aussehen. Und wenn sie nicht ständig Händchen gehalten hätten, hätte man noch nicht mal gemerkt, dass die eben doch anders sind und genau deswegen nicht heiraten dürfen. Verrückt, dass man die mittlerweile noch nicht mal von Heteros unterscheiden kann – Ironie Ende.

Das Appenzeller-Geheimnis und die Ehe

Während ca. 54 Minuten sagten die Gegner Dinge wie «Ein Kind braucht Vater und Mutter» und «Ehe ist ein geschütztes Label» oder «In der Bibel steht ganz klar, geheiratet wird zwischen Mann und Frau». In der Bibel steht auch, man solle keine Crevetten essen, aber das ist ein anderes Thema. Ganz schön absurd war auch, als die Frau, die im Studio ganz links stand, eine Appenzellerkäse- Metapher hinzuzog. Beim Appenzeller sei nebst den bekannten Ingredienzien, Milch und Lab, noch eine Prise Geheimnis mit dabei, genau wie in der Ehe. Also wie jetzt? Die Ehe besteht vor allem aus verklumpter Milch und Uwe Ochsenknecht kommt sporadisch vorbei, um nachzufragen, was denn das Geheimnis sei? Es machte weder Sinn, noch war es ein Argument. Es war die gesamte Debatte in ihrer Essenz. Nach sieben Minuten hätte ich eigentlich auch abschalten können und in die neue Staffel Modern Family klicken, aber der Moderator Jonas Projer lockte mit einem Paar, das sich in Amerika via Leihmutter den tiefgehegten Wunsch von einem eigenen Kind erfüllt hatte. Also blieb ich dran, weil mich das dann doch interessierte. Bis es zum Interview mit dem schwulen Pärchen kam, konnte ich mich ehrlich noch nicht einmal aufregen über die Diskussionen in der Sendung: ein Dutzend lächerlicher, überholter und unfundierter Aussagen von Menschen, die sich das Recht herausnehmen, nicht nur über andere Beziehungsformen zu urteilen, sondern sich auch noch anmassen, über sie zu bestimmen. Ausser das mit dem Appenzellerkäse, das war wirklich neu. Nicht sehr schlau, aber neu.

Keine Ahnung, wie Sie zu Leihmutterschaft stehen, aber ich weiss seit der Arena sehr genau, dass die Frau mit dem Appenzellerkäse- Vergleich auch diese Sache nicht ganz verstanden hat. Sie war dagegen, weil wenn die Natur nicht will, dass man Kinder bekommt, es sicher die Medizin auch nicht richten darf. Und wenn die Natur will, dass ein Blinddarm sich entzündet, dann stirbt man halt?

Es kostet viel Geld – und alle müssen sich daran gewöhnen

Wenn ich so darüber nachdenke, dann könnte man Leihmutterschaft mit Jazz-Musik vergleichen: Ich weiss, dass es das gibt, aber ich beschäftigte mich noch nicht eingehend damit, weil es so komplex ist und ich keine Freunde habe, die es praktizieren. Was es bedeutet für eine Familie, einen Freundeskreis oder eine Gesellschaft, wenn man sich eine Spendereizelle, Spendersperma und einen menschlichen Brutkasten zusammenkauft, um ein Kind zu erzeugen? Dieselbe Fragen könnte man sich auch stellen, wenn jemand Jazz-Schlagzeug an der ZhdK studiert. Man bezahlt in beiden Fällen viel Geld, Freunde und Familie müssen sich erst daran gewöhnen, und es ist beides sehr laut.

Anders als die Appenzellerkäse-Frau bin ich jedoch im 21. Jahrhundert angekommen, und nur weil ich Jazz-Musik oder Leihmutterschaft noch nicht ganz verstanden habe, heisst das nicht, dass ich einen Verein gründen werde, um sie mit politischen Mitteln zu verunmöglichen. Die Rechtswissenschaften nutzen, um den medizinischen oder musikalischen Fortschritt zu beschneiden, das ist, als würde man alle Kühe töten, nur weil man keinen Appenzellerkäse mag. Uwe Ochsenknecht wäre not amused, genauso wenig wie das Pärchen aus der Appenzeller-Werbung.

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