Kolumne
Idee des «Zusammen»: Co co co, überall Co

Susanne Wille
Susanne Wille
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Coworking Spaces liegen im Trend.

Coworking Spaces liegen im Trend.

Keystone

Collaborative working, coparenting, coworking Spaces. Co – yes, Bro – co ist in. Co ist aber mehr als irgendein lateinisches Präfix, das gerade in ist. Die Idee des «Zusammen» scheint eine Antwort zu sein auf die komplexe und also auch komplizierte Welt von heute. Wenn neue Wörter vermehrt ihren Weg in die Sprache finden, bedeutet dies auch, dass sie Abbild einer sich verändernden Realität sind. Würde also heissen: Vorbei die Zeiten der Ich-AG. Ein Neologismus, der ja irgendwann im Verlauf der Zeit mit Egoismus gleichgesetzt wurde: Jeder denkt an sich, jeder ist sein eigenes Projekt.

Nicht, dass wir nun von einem Extrem ins andere kippen würden. Doch «me, myself and I» scheint zunehmend abgelöst zu werden von einem neuen Wir-Gefühl. Nicht, weil die Menschheit plötzlich solidarischer geworden wäre, sondern weil es die wirtschaftlichen, gesellschaftlichen Anforderungen gebieten. Das «co» könnte man übrigens auch mit «Crowd» ergänzen. Crowdintelligence, crowdfunding etc. Egal ob «co»- oder «crowd»-irgendwas. Beides zeigt: Sololäufe sind out.

In Norwegen wird klar, wohin die Innovations-Reise noch geht

Radikal vor Augen geführt wurde mir dies kürzlich in Norwegen. Statt Fjorden und Seehafen stand eine Weiterbildung in Bergen auf dem Programm. Ich erfuhr hier etwas über Innovation. Innovation? Ja, ich weiss, die Schweiz belegt hier international stets die Spitzenplätze. Das stell ich nicht infrage. Es geht nicht um den Vergleich. Aber in Norwegen wurde klar, wohin die Reise noch gehen könnte. Norwegen setzt nämlich gezielt auf ein Zauberwort. Und das heisst Cluster. (Aha: Nach «co» und «Crowd» also das dritte C-Wort, «Cluster»). Cluster, zu übersetzen als Bündel oder Ballung. Im Land sind Zentren entstanden, in denen sich verschiedenste Firmen aus der gleichen Branche im gleichen Haus einnisten, zusammen wirtschaften.

Susanne Wille

Die Autorin wurde in Villmergen geboren und arbeitet seit 2001 beim Schweizer Fernsehen. Sie moderiert das Nachrichtenmagazin «10vor10» und ist im News-Projektteam, das sich mit der Entwicklung der Nachrichtensendungen befasst.

Da gibt es Cluster für Tourismus, für Fintech oder sogar für Seafood Innovation. Die jeweiligen Cluster arbeiten zudem miteinander. Zwei Beispiele: Da wird aktuell im Seafood-Cluster zusammen mit Tech-Firmen an einem Weg getüftelt, wie mithilfe von Algorithmen die nächste Lachsläuse-Plage vorausgesagt werden kann, bevor die Eindringlinge wirtschaftlichen Schaden anrichten. Oder da forschen Talente des Fintech-Clusters und des Medien-Clusters an einem Weg, wie man mithilfe von Blockchain-Technologie Fake News entlarven kann. Niemand erwartet, dass konkurrierende Unternehmen zusammen «Kumbaya My Lord» singen und selbstlos Innovation austauschen. Das «co», das collaborative working, ist einfach ein Weg, um gemeinsam Lösungen zu finden, dort, wo es Sinn macht, dort, wo man zusammen besser ist als allein. Beim nächsten Projekt kann man dann gut und gerne wieder konkurrieren und auf entgegengesetzten Seiten stehen.

Fernsehen, Zeitungen, Universität – in Bergen ist das unter einem Dach vereint

Nochmals: Mir ist klar, dass es in der Schweiz zahlreiche interdisziplinäre Innovations-Projekte und ähnlich gelagerte Ideen gibt. Ich müsste zudem noch mehr wissen und überprüfen, wie erfolgreich das norwegische Modell tatsächlich ist. Und doch geht es mir hier um die grundsätzliche Denke, die in Norwegen weiter geht, als ich mich das im hiesigen Alltag in meiner Branche gewohnt bin. So sah ich in der Media City Bergen, wie ein Sender des öffentlichen Fernsehens NRK einen Stock unter dem privaten Newskanal TV2 hauste. Ein Tür weiter ist die Universität mit den Medien-Studiengängen einquartiert – wie auch zwei konkurrierende Zeitungen und zahlreiche Grafik- und Tech-Firmen.

Man denke dies also zu Ende und stelle sich vor, ein Teil der Uni Zürich, die «NZZ», der «Tages-Anzeiger», Sendungen des Schweizer Fernsehens und des privaten Kanals 3+ sowie Tele Züri, aber auch zahlreiche verwandte Firmen in ein und demselben Haus. Gemeinsame Lunch-Academy und Konferenzen, gemeinsames Schlangenstehen vor dem Menü 3 in der Kantine inklusive. Was würde das wohl verändern? Ich weiss es nicht. Aber verwegen genug kommt es mir vor, sodass ich denke, ein wenig mehr «co» dürfte in meiner Branche auf Innovationsebene nicht schlechter sein.

In diesem Sinne wünsch ich Ihnen einen fantastischen Tag oder wie es ein norwegischer Medientüftler seinem Kollegen im Labor via Post-it auf der Tischplatte sagte: «Ha ein strålande Dag, Ha ein strålande Dag.»

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