Fahrländer
Die Schweiz neu aufteilen?

Der Politikwissenschaftler Daniel Bochsler hat einen Artikel mit demselben Titel verfasst, den diese Kolumne trägt – allerdings ohne Fragezeichen. Bochslers gnadenlose Diagnose: «Heute haben sich die Kantone überlebt.»

Hans Fahrländer
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«Heute haben sich die Kantone überlebt. Sie verlieren zusehends an Handlungsfähigkeit, die politischen Gräben zwischen den Kantonen schrumpfen», so Bochsler.

«Heute haben sich die Kantone überlebt. Sie verlieren zusehends an Handlungsfähigkeit, die politischen Gräben zwischen den Kantonen schrumpfen», so Bochsler.

Keystone

Das Thema kommt in Wellen. Aber diesmal ist es besonders radikal formuliert. Braucht es in unserem kleinen Land wirklich noch 26 Kleinstrepubliken? Der Politikwissenschaftler Daniel Bochsler, unter anderem als Forscher am Zentrum für Demokratie Aarau (ZDA) tätig, hat für die Mai-Ausgabe der Zeitschrift «Schweizer Monat» einen Artikel mit demselben Titel verfasst, den diese Kolumne trägt – allerdings ohne Fragezeichen, quasi als ultimative Aufforderung: Die Schweiz neu aufteilen. Der Aufsatz ist eingebettet in ein Dossier, welches Vor- und Nachteile des schweizerischen Föderalismus erörtert, in der Pandemie und überhaupt.

Bochslers gnadenlose Diagnose: «Heute haben sich die Kantone überlebt. Sie verlieren zusehends an Handlungsfähigkeit, die politischen Gräben zwischen den Kantonen schrumpfen.» Und: «Die Kantone sind zu klein für die Leistungserbringung, unbedeutend punkto politischer Identifikation und die politischen Gräben sind in Grossregionen gut aufgehoben. Eine grosse Territorialreform könnte dem Schweizer Föderalismus neues Leben einhauchen.» Und der Autor nennt sie gleich, die Grossregionen, welche künftig die Schweiz ausmachen könnten: Westschweiz, Nordwestschweiz, Zentralschweiz, Tessin, Zürich und Ostschweiz.

Die Idee ist zu spannend und der Autor als Forscher zu anerkannt, als dass man das Ganze einfach in der Schublade versorgen könnte. Wir kennen das Phänomen: Nationale Themen faszinieren, lokale Themen interessieren – aber kantonale Themen? Bloss, als Aargauer weint mein Herz schon mal auf Vorrat. Während die meisten Kantone ziemlich klar einer Grossregion zugeteilt werden könnten und ihr Zusammengehörigkeitsgefühl weiter pflegen könnten, würde eine solche Aufteilung den Aargau brutal auseinanderreissen. Er engagiert sich zwar in der Nordwestschweizer Regierungskonferenz – aber gehört Spreitenbach wirklich zur Nordwestschweiz? Oder Muri? Oder Reitnau? Unvermeidlich: Beim Bochsler-Vorschlag würde das aargauische Territorium aufgeteilt zwischen der Nordwestschweiz, der Innerschweiz und Zürich.

Bochslers Schlusssatz lautet übrigens: «Solange es keinen starken Druck dafür gibt, bleibt diese (nämlich die Territorialreform) eine Utopie.» Woher soll dieser Druck kommen? Aus dem Aargau wohl kaum.

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