Gülsha Adilji
Es geht nach unten

In ihrer Kolumne schreibt Social-Media-Star, Moderatorin und D-Promi Gülsha Adilji über das schlechte Gewissen – und die Angst, etwas zu verpassen.

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Hallo, Sie wunderschöne, intelligente und schlagfertige Kolumnen-Leserin. Und vor allem: Hallo Hannah. (Die Attribute galten eigentlich Dir, ich kann mir nämlich 1. nicht vorstellen, dass noch jemand anderes meine Kolumne liest, und 2. falls doch, sind sie bestimmt nicht so unglaublich nett, wie Du es bist.)

Obwohl ich noch gar nicht weiss, wohin die Laptop-Tastatur uns heute hinbringt, bin ich mir doch schon ziemlich sicher, dass die Reise nicht zu Regenbogen-sprühenden Wasserfällen und Nektar-schlürfenden Schmetterlingsfamilien führt. Wir steigen eher ab in die Unterwelt. Dort, wo man übergrosse und spitzzahnige Kellerasseln antrifft, die so laut fauchen, dass es wie eine Katze bei der Niederkunft klingt. Wir surfen also auf meiner Tastatur zielstrebig ins Zentrum der Grausamkeit: Das dunkle Tal des schlechten Gewissens. Moment. Ich muss dem Ganzen mithilfe von Capslock noch einen Gutsch mehr Dramatik verleihen: DAS DUNKLE TAL DES SCHLECHTEN GEWISSENS.

Das saugt mir die Seele aus dem Zahnschmelz

Ich weiss jetzt nicht, ob Sie meine Kolumne gelesen haben, in welcher ich überschwänglichst dafür plädiere, aus dem Hamsterrad auszubrechen und nicht so verdammt viel zu arbeiten? Falls nicht, es ging darum, dass man aus dem Hamsterrad ausbrechen und nicht mehr so verdammt viel arbeiten soll. Das ist mein Kredo, mein Mantra und meine Lebensphilosophie! Jetzt bin ich aber irgendwie in ein super massiv intensives Projekt gerutscht, das mir die Seele aus dem Zahnschmelz saugt. 1. Ja, die Seele ist im Zahnschmelz und 2. vielleicht übertreibe ich mit der Intensität des Arbeitspensums 3. nein, tue ich nicht! Ich arbeite sieben Tage die Woche für das Projekt und versuche, irgendwie allen meinen anderen Verpflichtungen wie Duschen und Essen auch noch nachzukommen.

Dazu kommt konstant das Gefühl von FOMO (Fear Of Missing Out), was in meinem Fall sich so anfühlt, als gäbe es da eine Ausstülpung in meinem Hirn mit einer Mini-Tropfsteinhöhle mit FOMO-Tropfen, die im Stundentakt herunterprasseln. Diese elenden Wasserperlen schwellen langsam an, gefüllt mit dem Gefühl, dass ich den ganzen Sommer 2018 samt all seinen Partys, Festivals und Prosecco-Brunches verpasst habe, und dann SPLASCH zerschellen sie auf dem Boden und verursachen eine so starke Erschütterung, dass sich die Kerbe zwischen meinen Augenbrauen aka. Zornesfalte um einen Mikromillimeter tiefer in meine Stirn furcht. Irgendwann wird sich mein Gesicht komplett nach innen stülpen! Weil das nicht sehr schön aussehen würde, gebe ich manchmal nach und höre auf das klagende Dröhnen in meinem Kopf, doch einfach wieder mal die Seele (im Zahnschmelz!) baumeln zu lassen und etwas für mich zu tun. Was in meinem Fall bedeutet, mich in einen dunklen Raum mit pulsierenden Lichtern zu stellen, meine Sinne mit Alkohol und lauter Musik zu betäuben, um fremden, sehr dummen Leuten die Frage zu beantworten, ob ich denn Gülsha sei und was ich denn jetzt eigentlich mache.

Wo die Tausendfüssler das Gesicht des Chefs haben

Wenn man der FOMO-Tropfsteinhöhle aber nachgibt, ist es leider das Ticket ins Tal des schlechten Gewissens. Naja, man braucht noch nicht mal wirklich ein Ticket, das schlechte Gewissen ist sozusagen der Keller der FOMO-Höh(l)le und man rutscht einfach der feuchten Steinwand entlang runter. Man landet dort, wo die Tausendfüssler das Gesicht des Chefs haben und auf dem Handy 2409 Anrufe in Abwesenheit des Projektmanagers aufblinken. Dort unten fühlt sich jede Sekunde so an, als hätte man komplett verschlafen.

Wenn man Abwärtsspirale googelt, kommt zuoberst ein Foto von mir, wie ich morgens um vier aus dem Club laufe. In diesem klebrigen Netz gesponnen aus Arbeitsstress, Angst, Dinge zu verpassen, und schlechtem Gewissen, weil man dann doch Party gemacht hat, sieht man die haarige Spinne auf sich zukommen. Ich sitze quasi schon in ihrem Schatten und bin vor allem gespannt, ob sie mich in einem Happen verschlingt oder Gliedmass für Gliedmass verzehrt. Aber irgendwie ist es hier sogar ein bisschen schön, weil neben mir Hannah sitzt und wir gemeinsam diskutieren, was wohl geschieht, wenn wir diesen Spinnenmagen passiert haben. Wir glauben beide, dass dort eine Schmetterlingsfamilie in der Sonne auf uns wartet.

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