Kolumne
Achselzucken wäre das Ende

Kolumne von Susanne Wille zu den wirklichen Aufgaben von Journalismus

Susanne Wille
Susanne Wille
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Was sind die wirklichen Aufgaben des Journalismus? (Symbolbild)

Was sind die wirklichen Aufgaben des Journalismus? (Symbolbild)

Keystone

Zuerst ein Blick in mein persönliches Mail-Postfach. Das heisst ein Blick in den Ordner «Feedback». Jemand schrieb: «Sie sind eine Moderatorin, die es nicht erträgt, wenn ein Gesprächspartner andere politische Absichten als Sie selbst vertritt. Sie sollten sich einem anderen Beruf zuwenden» – «Ich finde, Ihr Gespräch hat einmal mehr Ihre politischen Machenschaften demonstriert.»

Susanne Wille – Journalistin und Moderatorin

Die Autorin wurde in Villmergen geboren und arbeitet seit 2001 beim Schweizer Fernsehen. Sie hat das Nachrichtenmagazin «10 vor 10» moderiert und ist jetzt beim Politmagazin «Rundschau».

Ja: Oft, nach kontroversen «Rundschau»-Gesprächen, sind es Dutzende von Mails. Sofern es meine Zeit zulässt, beantworte ich die Mails persönlich. Ich finde es gut, dass das Publikum reagiert. Zeigen die Zuschriften doch, dass der Journalismus lebt. Denn solange Menschen sich freuen, aber sich auch ärgern, also mitdenken, so lange macht Journalismus Sinn. Warum? Einer meiner Lieblingsdichter, Rainer Malkowski, – sein Satz hängt über meinem Bürotisch – sagte einmal: «Als genug Verzweiflung vorhanden war, ist das Achselzucken in die Welt gekommen.» Das Achselzucken, das wäre das Ende unserer Gesellschaft. Also sollen wir Journalisten dafür kämpfen, dass unsere Welt – mag sie auch noch so kompliziert und aufreibend sein – Gegenstand einer Debatte bleibt und sich nicht Verzweiflung breitmacht, die als Folge davon zur absoluten Gleichgültigkeit führt.

Kritik an sich also definiere ich als etwas Gutes. Allerdings bereitet mir ein Aspekt davon Sorge. Erstaunlicherweise wird Kritik immer noch im Links-Rechts-Schema geübt. Drei Punkte sind hier interessant. Erstens greift das Denken im Links-Rechts-Spektrum zu kurz, denn die Schweiz lässt sich längst nicht mehr nur in links und rechts einteilen. Es gibt Vorlagen wie die Ecopop-Initiative, wo sich linke Umweltargumente mit rechten Zuwanderungsthemen mischen, oder – aktuell – das Verhüllungsverbot, wo Gegner und Befürworter in den verschiedensten Parteien zu finden sind, auch in der Mitte.

Zweitens fällt mir auf, dass ich regelmässig von links kritisiert werde, zu rechts zu sein, und von rechts, zu links zu sein. Das kommt sogar oft im Anschluss an dasselbe Interview vor, welches also zur Projektionsfläche in einem aufgeheizten politischen Klima wird, wo offenbar jede Seite ihre Minus-Punkte hineininterpretiert. Als es um die Masseneinwanderungs-Initiative ging, meinte Rechts, ich hätte ihren Argumenten bei weitem nicht genügend Rechnung getragen, und von Links bekam ich eine Liste, welche Argumente ich leider verpasst hätte, um zu verhindern, dass Rechts eine Plattform bekomme.

Das bringt mich zum dritten und entscheidenden Punkt. Es geht hier doch gar nicht um meine persönliche Meinung. Da besteht ein Grundlagenirrtum. Es geht – so verstehe ich jedenfalls meinen Job – um das Publikum, welches das Recht hat, beide Seiten zu hören, egal, um welches Thema es geht. Nach einem Interview mit Marine Le Pen hagelte es Kritik. Man habe gemerkt, dass ich wenig vom nationalkonservativen Gedankengut von Le Pen halten würde und dass ich bestimmt gegen den Brexit gestimmt hätte. Eine Woche zuvor hatte ich aber dem ehemaligen Erweiterungskommissar Günther Verheugen europakritische Fragen gestellt und viele Argumente des Pro-Brexit-Lagers eingebracht, worauf mir dann vorgeworfen wurde, ich sei ganz offensichtlich für das schnelle Ende der EU.

Richtig ist: Es geht nicht um eine persönliche Haltung und schon gar nicht um eine parteipolitische Haltung. Sondern um das Bemühen, alle Seiten gleich (kritisch) zu behandeln. Ist solch ein Journalismus ohne klare Position Wischiwaschi? Nein, im Gegenteil. Haltung ist trotzdem da. Eine Haltung nach journalistischen Kriterien. Was wirft Fragen auf? Wo sind Ungereimtheiten zu finden? Was sagen die Gegner dazu? Es geht um kritischen und unabhängigen Journalismus. Denn das Publikum ist klug. Und es soll danach selber entscheiden, welche Argumente überzeugender waren. Freie Meinungsbildung ist entscheidend für die direkte Demokratie.

Das Ganze klingt Ihnen zu schönfärberisch, zu idealistisch? Nun, Ideale sind Werte, die wir anstreben, immer wieder und möglichst beharrlich. Manchmal erreichen wir sie, manchmal nicht. Auch ich bin nicht frei von Fehlern. Aber Ideale sind ein starker Kompass, an dem wir uns orientieren können. Rainer Malkowski übrigens war nicht nur ein scharfer Analytiker, sondern versuchte immer auch, seine Umgebung in einem ersten Schritt frei von Vorurteilen und Vorverurteilungen zu beobachten und zu verstehen. So schrieb er einst: «Nie will ich sagen müssen: Ich habe mir die Welt nicht genau genug gemerkt.» Darum geht es. Um genau das.

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