Kommentar
Afroamerikaner gegen Joe Biden: Der Balanceakt des neuen US-Präsidenten

Minderheiten beschweren sich über Joe Bidens Personalpolitik. Der künftige Präsident muss aufpassen, dass sein Ziel, für alle Amerikaner da zu sein, nicht früh scheitert.

Renzo Ruf aus Washington
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Renzo Ruf, USA-Korrespondent für CH Media.

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Das Kabinett, das der designierte amerikanische Präsident Joe Biden derzeit zusammenstellt, wird Geschichte schreiben – auch wenn erst die Konturen bekannt sind. Nachdem in den vergangenen vier Jahren vor allem alte, weisse, reiche Männer die grösste Volkswirtschaft der Welt regiert haben, werden ab kommendem Jahr mehr Frauen, mehr Angehörige von Bevölkerungsminderheiten und mehr Personen mit Regierungserfahrung das Sagen haben.

Das ist gut so, auch weil das Klischee, dass in Amerika eine weisse Elite den Ton angibt, schon lange nicht mehr der weit komplexeren Realität entspricht. Da die Demokratische Partei, der Biden angehört, aber die Tendenz besitzt, bei Kurskorrekturen über die Stränge zu schlagen, ist nun ein erbitterter Verteilkampf um einflussreiche Posten ausgebrochen. So beschweren sich Afroamerikaner darüber, dass Biden bisher keinen schwarzen Politiker zum Chef eines Schlüsselministeriums gemacht habe.

Geht es den Demokraten in erster Linie um Identität?

Diese Klagen sind nachvollziehbar, gleichen amerikanische Parteien doch klassischen Wahlvereinen: Wer sich den Demokraten anschliesst, strebt eine lange Karriere an und ein Gastspiel im nationalen Kabinett macht sich in jedem Lebenslauf gut. Die angeblich düpierten Politiker, die sich über den ausgebliebenen Telefonanruf Bidens beschweren, sorgen aber auch für Unruhe.

Denn sie verstärken den Eindruck, zumindest unter Beobachtern, die den Demokraten seit jeher skeptisch gegenüberstehen, dass in erster Linie das Geschlecht oder die Hautfarbe und nicht die Qualifikation den Ausschlag gäbe, wenn Bidens Partei Posten verteile.

Das ist Unsinn, schliesslich nominierten die Demokraten mit Joe Biden einen alten weissen Mann zum (erfolgreichen) Präsidentschaftskandidaten. Aber es stimmt eben auch, dass bei den Linken dunkelhäutige Politikerinnen, die in Grossstädten wohnen, übervertreten sind.

Hier kann der künftige Präsident ansetzen. Die Demokraten können es sich nicht leisten, in Zukunft bloss das urbane, buntere Amerika zu vertreten. Dass Biden nun sagt, er werde das Gespräch mit denjenigen Bevölkerungsteilen suchen, die «mich nicht unterstützt haben», ist deshalb ein gutes Signal.