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«Der Aufreisser» – der Fall «Bild» schreit nach einer Verfilmung

Aufstieg und Fall des «Bild»-Chefredaktors Julian Reichelt enthält alle Ingredienzen, die einen Thriller erfolgreich machen.

Christian Mensch
Christian Mensch
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Günter Wallraff war es, der sich einst als Hans Esser bei der «Bild»-Zeitung eingeschlichen hatte und seine investigative Recherche als Bestseller «Der Aufmacher» publizierte.

Im vergangenen Jahr wurde die «Bild»-Redaktion von einer Filmcrew begleitet. Mit Chefredaktor Julian Reichelt war die Hauptrolle zwar richtig besetzt, doch was im innerdeutschen Beziehungsfilz entstand, war bloss eine seichte Doku-TV-Serie für den Amazon-Streaming-Dienst.

Dabei schreit geradezu nach einer richtigen Verfilmung, was sich bei der deutschen Boulevardzeitung abspielt. Alle Ingredienzen sind dabei, die einen erfolgreichen Thriller ausmachen: Sex, Business, Politics. Der Titel ist schon fast gesetzt: «Der Aufreisser».

Der junge Chefredaktor Reichelt hat ein ungesundes Verhältnis zu seinen Praktikantinnen, sein politisch strammer Kurs weckt Widerstand und die Gemengelage wird explosiv, da es um das grosse Geschäft geht. Mit Milliardeneinsatz stört die «Bild»-Herausgeberin Axel-Springer mit dem Zukauf der Plattform «Politico» das Konzert der US-Meinungsführer.

Die grossen Themen werden abgehandelt: #metoo ebenso wie Neid und Missgunst, Intrige und Loyalität. Reichelt wird von seinem Verleger zunächst gestützt, dann fallengelassen. Der Plot spielt in Berlin und New York. «Bild» gegen die «New York Times» lautet die Affiche, die einen transatlantischen Kassenschlager verspricht.

Zum Glück ist die Zeit vorbei, als nicht nur die Bilder schwarz-weiss, sondern auch die Geschichten nach dem Muster von Gut und Böse gestrickt waren. Denn wenn dieser Film gelingt, sind die Zuschauer am Schluss maximal verwirrt: Keine der Parteien agiert aus reiner Lauterkeit, jede führt mindestens eine doppelte Agenda.

Investigative Journalistinnen und Journalisten sind es, die sich selbst mit den eigenen Verlegern anlegten, um Reichelt zu Fall zu bringen. Doch sind sie am Schluss nicht auch bloss die nützlichen Idioten, die aus eigen- wie aus uneigennützigen Motiven in Gang setzten, was aus ganz anderen Gründen zu Ende gebracht wird?

Um den Abspann zu schreiben, ist die Zeit allerdings noch verfrüht. Das letzte Kapitel steht noch aus.

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