Glosse
Ein Lobgesang auf das Trainingslager!

Der FC St.Gallen verzichtet auf Trainingstage im Süden – und auf Erfahrungen, wie sie Amateure in etwas anderer Form machen. Und was für welche!

Christian Brägger
Christian Brägger
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In La Manga bestritt der FCSG vor zwei Jahren sein letztes Trainingslager im Ausland. Viele Amateurteams werden heuer ebenfalls verzichten.

In La Manga bestritt der FCSG vor zwei Jahren sein letztes Trainingslager im Ausland. Viele Amateurteams werden heuer ebenfalls verzichten.

Bild: PD

Neulich erinnerte die NZZ, wie hierzulande vor der Jahrtausendwende der Hallenfussball auf höchster Stufe boomte. Die Welle des Budenzaubers war von Deutschland her übergeschwappt – diese Puste ist längst ausgegangen. Nun, fast 20 Jahre später, droht den geliebten Trainingslagern gefühlt dasselbe Schicksal.

Das lässt in Fussballerinnerungen schwelgen an unsere längst verwelkte Zeit als «Aktive», als wir im Rheintal zwischen dritter und vierter Liga pendelten und glaubten, mit einem sportlichen Auslandaufenthalt dem Aufstieg näherzukommen. Oder im Abstiegskampf besser zu bestehen.

Einmal verschlug es uns mit einem türkischen Billigflieger nach Side ans Mittelmeer. Er sollte Wochen später wegen Sicherheitsbedenken in Zürich keine Landeerlaubnis mehr erhalten. Es gab all-inclusive im Viersternehotel, was allabendlich gut war für das Portemonnaie, aber schlecht für den Morgen danach. Das mit dem Portemonnaie glichen dann beim Basarbesuch vermeintliche Freunde wieder aus.

Auflagen von Coachseite gab es kaum, zweimal täglich sollte einfach trainiert werden. Auch deswegen war die Masseurin sehr gefragt. Nach der dritten Einheit und zwei Verletzten merkten die Trainer, was wir längst wussten: Die Kadenz ist nicht beizubehalten.

Natürlich gab es ein Testspiel, gegen den FC Turbenthal, das Team hatte viele Italiener. Wir glaubten ebenfalls, es gehe um den WM-Titel: Es wurde eine Schlacht. Als später unser Präsi, ein kleiner Constantin, anreiste und im Mini-Zimmer nächtigen sollte, flippte er aus und spürte nach einigen Gläsern Wein: Die Stimmung ist top.

Ausgerastet ist auch unser Trainer, weil er im Hotel für die Festnetz-Anrufe nach Hause dreistellig zu bezahlen hatte. Wie die türkische Flughafenpolizei, die schimpfend mit Maschinengewehren einen Spieler zum Bauch des Billigfliegers begleitete – er hatte den Pass im Koffer vergessen.

Einmal verschlug es uns an den Gardasee, der tolle Coach, ein früherer Profi der höchsten Liga, war vor allem mit einem möglichen Transfer seines Neffen zu Lecce beschäftigt. Und er verbot den Coca-Cola-Konsum – erstmals hörten wir von Ernährungsoptimierung. Und umgingen sie heimlich. Im Test gegen Einheimische wechselte der Gegner zur Pause gleich jeden aus, wir mühten uns zu dreizehnt ab.

Als am letzten Abend freigegeben wurde, war ein Duo noch bei Kräften und erzählte im Ausgang den Frauen, man spiele für Aston Villa – die Vereinsfarben waren immerhin gleich. Die zwei blieben bis morgens um sechs und sie der Müllmann auf seiner Tour zurück ins Hotel brachte. Die verhängte Busse wurde in «Münz» abgegolten, was den Kassier hässig machte.

In Trainingslagern, zur Hälfte selbst gestemmt, fühlten wir uns ein wenig wie Stars. Stolz trugen wir das Klublogo durch die Länder. Besser wurden wir nie. Die Erlebnisse? Un­be­zahl­bar. Sie verbinden uns bis heute.

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