Gastkommentar
Richard Stallman: Sexismus, Software-Sozialismus und das Ende einer guten Idee

1985 gründete er die Free Software Foundation (FSF), weil er fand, dass Programme und Algorithmen allen gehören sollten. Er musste wegen sexistischen Äusserungen aus dem Vorstand zurücktreten. Jetzt kehrt er wieder zurück. Und zerstört damit sein Lebenswerk.

Susan Boos
Susan Boos
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Richard Stallman.

Richard Stallman.

HO/Archivbild

Er ist ein Schnelldenker, mit langem Haar, grauem Bart und zweifelhaftem Humor – Richard Stallman. Der Mann hat viel erreicht und ist jetzt gerade daran, sein Lebenswerk zu zerstören. Es geht um die Idee der freie Software.

Stallman war vor fünfzig Jahren ein begabter Programmierer und Hacker, der früh erkannte, wohin die Reise in der digitalen Welt geht: Wir werden umgeben sein von Computerprogrammen, von denen niemand mehr weiss, was drin steckt. Sie werden allgegenwärtig sein und unser Leben durchdringen und organisieren. Die Programme gehören Firmen, die viel Geld damit verdienen und vor allem nicht wollen, dass jemand weiss, wie ihre Produkte im Kern funktionieren.

Stallman wollte das verhindern. Weil er sich etwas anderes vorstellen konnte. Denn das Zeitalter der Computer hatte anders begonnen. Es gab nur freie Programme, die alle weiterentwickeln und verbessern konnten.

Der Guru und das Idol der Hackerszene

Richard Stallman hat die Vision einer Welt von freier Software nie aufgegeben. Die NZZ schrieb vor vielen Jahren mal über ihn: «Stallman vertritt eine Art Software-Kommunismus und plädiert dafür, dass Software frei sein sollte und nicht einer einzelnen Person oder Firma gehören dürfe.» Mit einer Stiftung, der Free Software Foundation, kämpfte er für den Software-Sozialismus. Er war der Guru von vielen Hackerinnen und Hackern und Digitalaktivistinnen und Digitalaktivisten. Regelmässig tourte er durch Europa, hielt Vorträge, auch in der Schweiz.

Ein kurliger, eloquenter Typ, der sich immer als Freiheitskämpfer verstand. Es ging ihm nie um Gratissoftware. Das hatten viele missverstanden, weil free auf Englisch gratis wie eben auch frei bedeuten kann. Stallman sagte immer etwas pathetisch, es gehe ihm nicht um Gratisbier, sondern um Redefreiheit.

Er wollte, dass die Welt mit der Digitalisierung zu einem besseren Ort wird. Das hat nicht ganz geklappt. Doch wäre es so rausgekommen, müssten wir uns heute nicht um die vielen Algorithmen sorgen, von denen wir nicht wissen, ob sie vielleicht Menschen diskriminieren, weil wir nicht wissen, wie sie programmiert sind. Die Algorithmen würden allen gehören und wären eine vergnügliche Allmende. Klingt verrückt und eben etwas sozialistisch. Aber auch einfach schön. Für diese Idee hat Stallman den Guru-Status verdient.

In der #MeToo- und Epstein-Affäre war er auf der Seite der Sexisten

Doch dann, vor zwei Jahren, fiel er tief. Er äusserte sich im Zusammenhang mit #MeToo und der Epstein-Affäre. Die einen fanden, unmöglich sexistisch. Er selber fand, er sei bloss falsch verstanden worden. Doch dann ploppte auf, wie sexistisch sich Stallman schon seit langem verhielt. Stallman war als Wissenschaftler am renommierten Massachusetts Institute of Technology (MIT) tätig. Studentinnen hatten sich schon früher bei der Institutsleitung über Stallmans Verhalten beklagt. Es ging um unterschiedliche sexistische Übergriffe. An seiner Bürotür stand «Ritter für Gerechtigkeit (auch: heisse Ladies)». Jetzt im Kontext von #MeToo fanden sie endlich Gehör. Die Wogen gingen hoch. Stallman musste 2019 sowohl das MIT wie die Free Software Foundation verlassen.

Die Geschichte könnte hier zu Ende sein. Doch jetzt ist Stallman wieder aufgetaucht und in den Vorstand der Stiftung zurückgekehrt. Die Freie-Software-Szene ist empört. Es gibt einen Brief mit vielen Unterschriften, der verlangt, dass Stallman sofort wieder aus allen Gremien zurücktreten soll.

Stallman denkt nicht daran. Er ist zurück, um zu bleiben. Hat er zumindest verlauten lassen. Es gibt einen zweiten Brief von UnterstützerInnen, auch mit vielen Unterschriften. Sie sehen Stallman als Opfer. Haben sie Recht? Stallman geht gegen die siebzig. Wäre er weise, hätte er sich für immer aus der Öffentlichkeit verabschiedet. Aber Weisheit fehlt diesem Intelligenzbrocken. Und so wird die gute Idee wohl mit dem bärtigen Mann untergehen. Schade.

Susan Boos ist Redaktorin bei der «Wochenzeitung» und war Redaktionsleitern der WOZ. Seit Anfang 2021 ist sie Präsidentin des Schweizer Presserates.

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