Gastkommentar
Europa verpasst den Anschluss bei der Künstlichen Intelligenz

Die Rolle der Künstlichen Intelligenz (KI) in militärischen Belangen wird unterschätzt. Wenigstens hier in Europa. Autonome Waffensysteme sind uns moralisch nicht geheuer. Auch wenn das so ist, sollten wir nicht aus fehlender Expertise die Finger davon lassen.

Miriam Meckel
Miriam Meckel
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Künstliche Intelligenz bekommt einen immer höheren Stellenwert

Künstliche Intelligenz bekommt einen immer höheren Stellenwert

Fotalia

Datenflüsse sind die neuen Quellen der Dominanz. Wo sie fliessen, spuren sie die geopolitische Machtverteilung neu. Die USA beginnen gerade, das zu verstehen. Die neu geschaffene «US Security Commission on Artificial Intelligence» unter dem Vorsitz von Ex-Google-Chef Eric Schmidt hat einen geharnischten Bericht vorgelegt, der deutlich macht: Es gibt drängenden Handlungsbedarf. «Amerika ist im Feld der künstlichen Intelligenz nicht darauf vorbereitet, sich zu verteidigen oder mitzuhalten», so lautet die «brutale Wahrheit», die der Bericht auf 750 Seiten ausführt.

Die harte Schlussfolgerung beruht auf zahlreichen empirischen Evidenzen. China hat sich zum Ziel gesetzt, im Jahre 2030 die führende KI-Weltmacht zu sein. Dafür buttert der chinesische Staat allein 150 Milliarden Dollar in die Entwicklung der Technologie. Russlands Präsident Vladimir Putin sagt:

«Wer bei KI in Führung geht, wird die Welt beherrschen.»

Täglich lesen wir von Cyberangriffen, orchestriert in oder gar durch Staaten, die ihre wirtschaftliche oder geopolitische Position konsequent über den Einsatz von KI ausbauen und stärken wollen. KI-basierte Technologien, wie die Gesichtserkennung, werden in diesen Staaten eingesetzt, um die eigenen Bürgerinnen und Bürger zu überwachen und zu disziplinieren. Auch die von der Weltgesundheitsorganisation beschriebene «Infodemie» der Desinformation über soziale Medien und Deepfakes ist Teil einer Strategie, Demokratien überall in der Welt über einen Krieg gegen Fakten und Wahrheit zu schwächen.

KI-Technologien verändern den Krieg

Aber diese Herausforderungen betreffen auch direkt die Verteidigungspolitik. An ihr zeigt sich, wie weitgehend KI-Technologien militärische Abschreckung und Abwehr verändern. Über KI und handelsübliche Drohnen lassen sich intelligente Waffensysteme bauen, die von Staaten, Terroristen oder schlicht Kriminellen eingesetzt werden können.

Künstliche Intelligenz ist eine Technologie mit doppeltem Verwendungszweck: Sie kann im zivilen, wirtschaftlichen Gebiet, aber eben auch im militärischen Bereich für Gutes und Schlechtes eingesetzt werden. Viele technologische Innovationen im zivilen Einsatz entstammen der militärischen Forschung. Ohne sie gäbe es das Radar, die GPS-Technologie oder auch das Internet nicht.

Europa muss raus aus der Vermittlerrolle zwischen den USA und China und eine eigene Position aufbauen

Auf all das ist Europa nicht vorbereitet. Vor allem die EU versteht sich immer noch wesentlich als Wirtschaftsgemeinschaft. Wichtige Politikbereiche, wie die Sicherheit- und Verteidigungspolitik überlässt sie lieber ihren Mitgliedstaaten. Angesichts der Möglichkeiten militärischer KI in Krieg und Frieden sollte Europa endlich raus aus der Vermittlerrolle zwischen den beiden KI-Supermächten USA und China. Es muss eine eigene Position und Strategie in einer Weltordnung entwickeln, die wesentlich durch KI bestimmt sein wird. Dafür wird es nicht reichen, militärische KI grundsätzlich ethisch in Frage zu stellen. Wer verhandeln und die eigenen Werte sichern will, muss auf Augenhöhe bleiben. Man kann die Verwendung autonomer Waffensysteme moralisch verdammen. Wer dies aus der Position mangelnder Expertise tut, ist nicht nur friedliebend, sondern schlicht naiv.

Dabei kann genau das politisches Alleinstellungsmerkmal Europas werden: technologischen Fortschritt mit ethischen Grundsätzen zu vereinen. «AI made in Europe» könnte zu einer echten Alternative zu amerikanischen und chinesischen Angeboten werden, zu einem weltweiten Standort- und Exportvorteil. Dafür brauchen wir klare Positionen, die richtigen Allianzen (zum Beispiel mit der dafür offenen US-Regierung) und europäische Unternehmen, die Daten auf militärischem Niveau und auf Basis klarer ethischer Vorgaben auswerten können.

Europa muss auch auf dem Feld militärischer KI zum starken Akteur werden statt in dem Datenstrom mitzuschwimmen, den andere vorgeben.

Miriam Meckel ist Professorin für Corporate Communication und Direktorin des Instituts für Medien- und Kommunikationsmanagement an der Universität St.Gallen.

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