Gastkommentar
2021 können wir uns beglücken – wenn wir wollen

Mit aktiver Mitmenschlichkeit, Naturschutz und klarem Kopf geht es besser.

Thomas Kessler
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Thomas Kessler

Thomas Kessler

Der Autor führt ein Beratungsunternehmen mit Schwerpunkt Migration, Integration und Sicherheitsfragen. Thomas Kessler ist Mitglied des Publizistischen Ausschusses der CH Media.

Die Natur gibt seit einem Jahr den neuen Takt im Alltag vor. Ein unsichtbares Wesen zeigt dem modernem Menschen, dass er trotz aller Technik zum Ökosystem gehört und sich fügen muss. Gekränkt fordern nun Besserwisser die sofortige Wiederherstellung der «Normalität» und messen die helvetischen Behörden an den schnellsten der Welt. Das Rezept: Die Armee solle das Durchimpfen übernehmen. Dass mit dem systematischen Impfen Israel am zügigsten vorwärts kommt, ist kein Zufall, das Land hat seit je her mit Kriegen und Krisen leben gelernt. Die spezielle Mischung von Agilität, Nonchalance und Robustheit gehört zu dieser Nation seit der Gründung 1948.

Wir sind als modernes Land genau 100 Jahre älter und haben seither nie einen Krieg gehabt. Das ist ein grosses Glück und so ist es müssig, dem Bundesrat fehlenden Schneid vorzuwerfen. Der Schweiz fehlt schlicht die Routine, sie war weder im Ersten noch im Zweiten Weltkrieg ausreichend vorbereitet. Sie verfügte im September 1939 zur Generalmobilmachung gerade mal über 24 Panzer und Munition für eine Woche. Nach dem Krieg wurde in der Weiterentwicklung des «Plan Wahlen» das bis heute weltweit aufwändigste Vorsorgesystem mit Bunkern und Vorräten aufgezogen. Trotzdem fehlten zu Beginn der jetzigen Corona-Pandemie sowohl die Masken fürs Gesundheitspersonal wie auch das simple Ethanol zur Desinfektion. In der Not musste wertvoller Zuger Kirsch hochdestilliert werden.

Die Vorbereitung auf Krisen ist nicht unsere Meisterdisziplin

Diese Überrumpelung in Krisen ist bisher eine Konstante unserer Geschichte. Die Behörden waren auf die letzte grosse Seuche, die Spanische Grippe von 1918/19 mit 25 000 Toten, derart schlecht vorbereitet, dass es fast zu Unruhen kam und eine Untersuchungskommission eingesetzt werden musste.

Weitere hundert Jahre zuvor raffte eine Hungerkatastrophe in der Ostschweiz 1816/17 bis zu 10 Prozent der Bevölkerung dahin. Nach der Einführung der Kartoffel nach der Hungersnot von 1770 dachten die dortigen Behörden, auf Vorsorge könne man nun angesichts der Wunderknolle aus Südamerika verzichten. Die Explosion des Vulkans Tambora im fernen Indonesien definierte das Wetter im Mittelland jedoch radikal neu – es gab 1816 das ganze Jahr Schnee und keine Ernten. Die welschen Kantone konnten immerhin Getreide aus Südeuropa organisieren, im Osten half Zar Alexander mit 100 000 Rubel Nothilfe.

Gemessen an dieser Zeit haben wir heute luxuriöse Voraussetzungen. Und politisch und praktisch wird eben geleistet, was in der föderalistischen Eidgenossenschaft real möglich ist, mit dem vernünftigen Verzicht auf nationalistische Wichtigtuerei. Es ist gut möglich, dass der pragmatische Weg in der Rückschau als erfolgreich bewertet wird. Wer trotz Druck auf Qualität und Sorgfalt setzt, erst recht mit neuen Impfstoffen, macht weniger Fehlinvestitionen.

Auch andere Mächte als Viren können unsere Lebensbedingungen rasch ändern

Statt «Normalität subito» zu rufen, ziehen wir besser die richtigen Lehren. Die Welt ist auch sonst aus den Fugen, die USA taumeln, Europa schwächelt, die aufstrebenden Mächte in Ostasien und Despotien im Orient können unsere Lebensbedingungen rasch ändern. Auf keinen Fall können wir weitermachen wie vorher – mit Nabelschau-Politik, Raubbau an der Natur, rituellem Pendlerstress und Desinteresse an den Betagten. Die traurige Wahrheit ist, dass schon vor der Pandemie nur wenige in den Heimen überhaupt je Besuch kriegten.

Statt billig zu moralisieren und für Gendersternchen-Debatten und anderen Unfug Zeit zu verschwenden, sind geopolitische Analysen und nachhaltiges Handeln angesagt. Der Verzicht auf Unnötiges gibt dazu die Kraft und Lebensqualität - mit Mitmenschlichkeit im Alltag, Versöhnung mit der Natur und Weitsicht über die Grenzen hinaus.