Gastkolumne
Väter aufgepasst! Unsere Gesellschaft braucht mehr männliche Fürsorge

Die Fürsorgearbeit muss vom starken Fokus auf das weibliche Geschlecht befreit werden. Männer sollten selbst zu Agenten des Wandels werden, damit männliche Fürsorge Zukunft hat. schreibt Erziehungswissenschafterin Margrit Stamm.

Margrit Stamm
Margrit Stamm
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Väter sollten mehr Zeit für ihre Familie und die Kinder einsetzen.

Väter sollten mehr Zeit für ihre Familie und die Kinder einsetzen.

Keystone

Ist Fürsorge- und Betreuungsarbeit nach wie vor eine weibliche Aufgabe? Ja, sagt die Empirie. 75 Prozent der Frauen fühlen sich trotz Berufstätigkeit hauptverantwortlich für das Familienmanagement. Fürsorge gilt als selbstverständlich praktizierte Nächstenliebe und ist stets unentgeltlich.

Dies ist nicht erstaunlich, denn das Vorurteil ist weit verbreitet, dass Frauen aufgrund ihrer weiblichen Gene die besseren und fürsorglicheren Betreuerinnen sind als Männer. Darüber hinwegtäuschen kann auch die aktuelle Corona-Politik nicht, wenn sie Fürsorgearbeit als neue männliche Kompetenz preist. Auch heute noch wird das weibliche Kümmern im Alltag oft belächelt, wenn auch nur hinter vorgehaltener Hand. Woher kommt das?

Weil solche Haltungen die traditionellen Vorstellungen von Männlichkeit und Weiblichkeit zementieren und eine geschlechtstypische Berufswahl begünstigen. Weiblich konnotierte Fürsorgeberufe sind finanziell schlechter ausgestattet als traditionelle Männerberufe und mit weniger Karrieremöglichkeiten verbunden. Darum sind sie für einen Grossteil der Männer wenig attraktiv.

Eine Folge davon ist die ausgeprägte Lohnlücke zwischen den Geschlechtern und eine noch deutlichere Rentenlücke. Dazu kommt eine bemerkenswerte Lücke in der Zeitverwendung von Männern und Frauen für unbezahlte Hausarbeit und Kinderbetreuung. Dieser «Gender Care Gap» steht stellvertretend dafür, warum jede Diskussion über Betreuung und Fürsorge auch eine über das Geschlechterverhältnis werden muss.

Feminisierte Berufe und ihre Abwertung bedingen sich gegenseitig. Diese Abhängigkeit erschwert eine Aufwertung von Betreuung und Fürsorge als systemrelevante Aufgaben. Gleichzeitig erfordert sie von Frauen, welche die Hauptverantwortung in der Familie tragen, mit Statusverlust und geringem Einfluss im öffentlichen Leben umgehen zu müssen.

Gleiches gilt auch für Männer, die in feminisierten Berufsfeldern arbeiten und gegen das Vorurteil softer Männlichkeit anzukämpfen haben. Sie sollen unter Beweis stellen, dass sie auch als «richtige Kerle» gute Care-Arbeit leisten können. Und manche Väter, die von der Rolle des Mainstream-Mannes abweichen und sich als Teilzeitler mehr in der Familienarbeit engagieren, gelten schnell einmal als Karriereverweigerer oder gar als Softies.

Doch folgt man der empirischen Forschung, ist der Einstellungs- und Rollenwandel beträchtlich. Gemäss neuen Umfragen beurteilen 90 Prozent der Männer die Gleichstellung der Geschlechter in Beruf und Partnerschaft als wichtig. Viele wollen sich der Verantwortung für Betreuungsarbeit nicht mehr verschliessen. Wahrscheinlich hat die Pandemie diese Haltungsänderung provoziert. Manche Männer haben wochenlang zu Hause mit Partnerinnen und Kindern verbracht und die Sorge-, Pflege- und Haushaltsarbeiten viel direkter erlebt.

Allerdings scheint es zwischen dem männlichen Rollenbild im Kopf und der tatsächlich praktizierten Fürsorgearbeit noch eine Kluft zu geben. In einigen Studien zeichnet sich nämlich ab, dass die Pandemie den Care Gap zu Ungunsten der Frauen vergrössert hat. Andere Studien stimmen hingegen hoffnungsvoll. Väter, die sich seit der Pandemie mehr in der Betreuungsarbeit engagieren, berichten von einer höheren Zufriedenheit und einer besseren Work-Life-Balance.

Unsere Gesellschaft braucht mehr männliche Fürsorge. Warum? Weil die Fürsorgearbeit der Zukunft vom starken Fokus auf das weibliche Geschlecht befreit und zu einem geschlechterübergreifenden Merkmal entwickelt werden muss. Dieses Ziel kann weder am politischen Schreibtisch noch von den Bildungsinstitutionen umgesetzt werden. Der erste Ort ist die Erziehung in der Familie. Väter sollten selbst zu Agenten des Wandels werden, damit männliche Fürsorge Zukunft hat und ein Vorbild nicht nur für die Söhne, sondern auch für nachfolgende Generationen wird.

Margrit Stamm ist Prof. em. für Pädagogische Psychologie und Erziehungswissenschaften an der Universität Fribourg. Sie ist Gründerin des Forschungsinstituts SwissEducation.

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