Analyse
Wladimir Putin: Der Realist, der Teuflische und der Mystiker

Alle sind sich einig: Putins Krieg gegen die Ukraine ist der reine Wahnsinn. Nicht einig sind sich die Experten jedoch über die Gründe. Ihre Erklärungen widersprechen sich zum Teil diametral. Hier die drei wichtigsten Thesen und ihre Vertreter.

Philipp Löpfe, Redaktor bei Watson
Philipp Löpfe, Redaktor bei Watson 1 Kommentar
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Russlands Präsident Wladimir Putin

Russlands Präsident Wladimir Putin

Mikhail Klimentyev / AP

Der Realist

Im März 2014 erschien in der «Washington Post» ein Kommentar von Henry Kissinger. Der ehemalige US-Aussenminister und Vordenker gilt als führender Vertreter der «Realisten». Diese werden nicht von Moral, sondern von Pragmatismus geleitet. Die Politik der Eindämmung (containment) der Amerikaner gegenüber der Sowjetunion ist das bekannteste Beispiel realistischer Aussenpolitik. Es ging darum, den Einfluss der Kommunisten in Grenzen zu halten, aber nicht darum, die kommunistische Regierung zu stürzen.

Henry Kissinger mit Donald Trump im Weissen Haus.

Henry Kissinger mit Donald Trump im Weissen Haus.

Molly Riley / Pool / EPA

Kissinger forderte vor acht Jahren, dass die Ukraine zu einem neutralen Puffer zwischen Ost und West werden müsse. «Der Westen muss verstehen, dass die Ukraine für Russland niemals einfach ein fremdes Land sein wird», so Kissinger. «Die Ukraine war über Jahrhunderte Teil von Russland. Die Geschichten der beiden Länder sind miteinander verwoben.»

Kissinger schlägt folgende Punkte für eine friedliche Koexistenz der beiden Nachbarn vor: Die Ukraine hat das Recht, souverän darüber zu entscheiden, mit wem sie Handel betreiben und mit wem sie Partnerschaften eingehen will. Doch sie darf nicht der Nato beitreten. Russland seinerseits hat kein Recht, die Krim zu annektieren.

John Mearsheimer gilt als einer der weltweit führenden Politologen. Er geht noch weiter als Kissinger: «Der Westen, und insbesondere Amerika, ist grundsätzlich für die Krise verantwortlich, die im Februar 2014 begann.» Gemäss Mearsheimer begann das Unglück an einem Nato-Gipfel im April 2008. Damals verkündete US-Präsident George W. Bush, dass die Ukraine und Georgien bald der Nato beitreten würden. Putin flippte aus und drohte mit der Annexion der Krim, eine Drohung, die er 2014 nach der Maidan-Revolution auch in die Tat umsetzte.

Im Dezember 2021 machte Putin Ernst. Mearsheimer stellt fest, dass die Ukraine zu diesem Zeitpunkt ein De-facto-Mitglied der Nato wurde, weil der Westen ihr defensive Waffen lieferte und begann, die ukrainischen Soldaten auszubilden. «Was heisst schon defensiv?», so Mearsheimers rhetorische Frage. Obwohl er ihn verurteilt, ist für den Realisten Mearsheimer Putins Krieg somit eine höhere Form von Notwehr.

Der Teuflische

Sergei Dobrynin ist ein russischer Journalist. In der Zeitschrift «The Atlantic» schildert er eine Begegnung mit dem ­Anthropologen Wladimir Arsenyew 2000. Putin werde Russland in die Hölle führen, erklärte Arsenyew damals. «Warum?», wollte Dobrynin wissen. «Er ist ein Tschekist (Mitglied des Geheimdienstes). «Einmal ein Tschekist, immer ein Tschekist. Er ist das reine Böse.»

Der russische Geheimdienst hat tatsächlich eine grauenhafte Vergangenheit. Auch Putin schreckt vor Gewalt nicht zurück. So soll sein Geheimdienst Anschläge auf Hochhäuser in Moskau verübt und diese Taten Terroristen in die Schuhe geschoben haben, um so den Krieg gegen Tschetschenien zu rechtfertigen. Bei den Anschlägen sind Hunderte von Menschen gestorben.

Der einst reichste Mann Russlands, Michail Chodorkowski, kommt zum gleichen Ergebnis wie Dobrynin und argumentiert: Putin sei als Mitglied von Strassengangs in St. Petersburg aufgewachsen und habe später mit der örtlichen Mafia zusammengearbeitet. Er möge sich heute als Staatsmann ausgeben, doch: «Ein Bandit wird immer ein Bandit bleiben und die Welt durch die Brille eines Banditen betrachten.» Putin sei besessen von der Idee, eine historische Figur wie Stalin zu werden.

Michail Chodorowski: Putin sei als Mitglied von Strassengangs in St. Petersburg aufgewachsen und habe später mit der örtlichen Mafia zusammengearbeitet.

Michail Chodorowski: Putin sei als Mitglied von Strassengangs in St. Petersburg aufgewachsen und habe später mit der örtlichen Mafia zusammengearbeitet.

Peter Schneider / KEYSTONE

Der Mystiker

Selbst die ruchlosesten Diktatoren wollen ihr Handeln erklären und rechtfertigen. Unbeachtet, ob sie es zynisch tun oder ob sie daran glauben, sie brauchen eine Ideologie. Das trifft auch auf Putin zu. Er greift in die mythische Trickkiste Russlands, zu den Schriften von Iwan Iljin.

Dieser war russischer Adliger und Religionsphilosoph, der vor den Bolschewisten floh und auswanderte. 1954 verstarb er in Zollikon bei Zürich. Putin liess 2005 seine sterblichen Überreste in ein Kloster nach Moskau überführen. Iljin hegte grosse Sympathien für den Faschismus. Er bedauerte, dass Hitler und Stalin sich bekriegten, statt gegen die Angelsachsen zu kooperieren. Russland war für ihn ein Land, das stets von äusseren Feinden bedroht wurde.

Putin sieht sich in der Rolle eines von Gott gesandten Retters.

Putin sieht sich in der Rolle eines von Gott gesandten Retters.

Alexei Druzhinin / AP POOL SPUTNIK KREMLIN

Im Buch «Der Weg in die Unfreiheit» umschreibt Historiker Timothy Snyder, Kenner der Ukraine, die Grundlage von Iljins Denken: «Der christliche totalitäre Faschismus ist eine Einladung an Gott, auf die Erde zurückzukehren, um Russland zu helfen, die Geschichte zu Ende zu bringen.»

Putin sieht sich in der Rolle eines von Gott gesandten Retters. Er schreckt vor nichts zurück: «Iljin betrachtete Russland als Gottes Heimatland, das erhalten werden muss, koste es, was es wolle.» Snyder erklärte, die Nato-Ost­erweiterungs-These sei eine vorgeschobene Schutzbehauptung. Letztlich sei Putins Mystik, der Wille, die Reinheit Russlands wiederherzustellen, die Triebfeder für seinen irren Krieg.

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