Zürich
Zürcher Schauspielhaus startet in eine ausgefallene neue Saison

Wo hört die Zivilisation auf und wo beginnt die Barbarei? Dieser Frage spürt das Schauspielhaus Zürich in der nächsten Saison in einem bunten Mix an Klassikern, Uraufführungen und Projekten nach.

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Ein Stück aus dem neuen Spielplan: Dürrenmatts "Physiker"

Ein Stück aus dem neuen Spielplan: Dürrenmatts "Physiker"

Schauspielhaus Zürich

Das Publikum erwartet eine stattliche Zahl von Aussenseitern, Mördern und Toten.

Einen roten Faden spinnen Individuen, die aus vermeintlich nichtigem Anlass aus der gesellschaftlichen Normalität ausbrechen und als Aussenseiter im Bösen über sich hinauswachsen. Dies ging aus der Spielplan-Präsentation 2014/15 von Intendantin Barbara Frey am Mittwoch im Zürcher Schiffbau hervor.

Als Beispiel nannte Frey etwa "Roberto Zucco" des französischen Dramatikers Bernard-Marie Koltès, der durch einen realen Kriminalfall um den italienischen Mörder und Gewaltverbrecher Roberto Succo inspiriert wurde. Auf die Pfauenbühne bringt das Stück die deutsche Regisseurin Karin Henkel.

Mit Jean Genet nimmt sich auch Regisseur Bastian Kraft einem radikalen Aussenseiter an. Gespielt wird im Schauspielhaus das fulminante Stück "Die Zofen" - eine Geschichte über einen scheinbar unmotivierten Mord der Papin-Schwestern an einer Dame der Bourgeoisie.

Einen der düstersten und unheimlichsten Waldspaziergänge durch die menschliche Seele und ihre Begierden hat Shakespeare in "Ein Sommernachtstraum" dargestellt. Inszeniert wird der Klassiker von der jungen Regisseurin Daniela Löffner. In Zürich war zuletzt ihre Bühnenbearbeitung von Peter Stamms Roman "Agnes" zu sehen.

"Die schmutzigen Hände" als Neuauflage

Vor 66 Jahren wurde am Schauspielhaus Jean-Paul Sartres "Die schmutzigen Hände" als deutschsprachige Erstaufführung gespielt. Im Mai 2015 wird das berühmteste Werk des französischen Autors in einer Inszenierung von Stefan Pucher zu sehen sein.

Barbara Frey und Chefdramaturgin Andrea Schwieter stellen noch weitere Klassiker in Aussicht. Dazu gehören "Kasimir und Karoline" von Ödön von Horváth oder "Schuld und Sühne" nach Fjodor M. Dostojewski.

Zum ersten Mal realisiert der ungarische Regisseur Kornél Mundruczó mit der Uraufführung "Hotel Lucky Hole" im Schiffbau eine Arbeit mit dem Ensemble des Schauspielhauses und Gästen von Mundruczós Kompagnie Proton Theatre Budapest. Als schweizerische Uraufführung zeigt Christopher Rüping "Frühstück bei Tiffany" nach Truman Capote.

Als "fundamentalistische Komödie" bezeichnet Dani Levy sein Auftragswerk "Schweizer Schönheit". Der Basler Filmemacher stellt sich mit dieser Uraufführung erstmals dem Zürcher Publikum als Theaterregisseur vor.

Nach "Die Geschichte von Kaspar Hauser" wird der vornehmlich als Opernregisseur tätige Alvis Harmanis erneut in Zürich Gastrecht gewährt. Er zeigt die "schönsten Sterbeszenen in der Geschichte der Oper".

21 Produktionen

Gespielt werden im Pfauen und im Schiffbau in der Spielzeit 2014/15 insgesamt 21 Produktionen, davon sind vier Uraufführungen und eine Schweizer Erstaufführung. Eröffnet wird die Saison von Barbara Frey am 11. September im Pfauen mit Anton Tschechows Glanzstück "Drei Schwestern".

Die künstlerische Direktorin des Schauspielhauses ist eine profunde Kennerin des russischen Dramatikers. Bereits zum vierten Mal inszeniert sie ein Stück von Tschechow.

Einen Tag später steht die erste Premiere im Schiffbau an. Die junge, aufstrebende Regisseurin Mélanie Huber, die schon zwei Mal am Schauspielhaus inszeniert hat und mit ihren eigenwilligen Bearbeitungen aufgefallen ist, bringt "Bartleby, der Schreiber" nach einer Erzählung von von Herman Melville auf die Bühne.

"A1 - Rasen auf der Strasse des Fortschritts" ist das dritte Projekt von Schauspieler Mike Müller, dem Dramaturgen und Journalisten Tobi Müller und dem Regisseur Rafael Sanchez. In "Elternabend" und "Truppenbesuch" hatten sie sich mit Parallelgesellschaften beschäftigt.

Nun wendet sich das Trio - zusammen mit Ensemblemitgliedern des Schauspielhauses - dem Herzen der Schweiz zu: der, so Barbara Frey, meist befahrenen und meist gehassten Autobahn der Schweiz, die aber zugleich Sinnbild sei für die Auswirkungen des masslosen Wachstums.

Für das Junge Schauspielhaus hat Jörg Menke-Peitzmeyer ein Stück unter dem Motto "Theater im Klassenzimmer" geschrieben. In Kooperation mit dem Schul- und Sportdepartement der Stadt Zürich wird dieses in der Regie von Enrico Beeler in verschiedenen Schulhäusern in Stadt und Kanton Zürich aufgeführt, wie Petra Fischer, die Leiterin des Jungen Schauspielhauses, sagte. (sda)

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