Tag der Arbeit

«Wir wollen den 1. Mai nicht einfach ausfallen lassen» – der Tag der Arbeit in Coronazeiten

Die 1.-Mai-Demo und das 1.-Mai-Fest in Zürich fallen dieses Jahr wegen der Coronakrise aus, dafür sind Online-Veranstaltungen geplant. (Archivbild)

Die 1.-Mai-Demo und das 1.-Mai-Fest in Zürich fallen dieses Jahr wegen der Coronakrise aus, dafür sind Online-Veranstaltungen geplant. (Archivbild)

Der Tag der Arbeit wird neu erfunden: Luca Maggi, Sprecher des Zürcher 1.-Mai-Komitees und Gemeinderat der Grünen, über den Tag der Arbeit in Coronazeiten.

Herr Maggi, die 1.-Mai-Demo und das 1.-Mai-Fest in Zürich fallen dieses Jahr wegen der Coronakrise aus, dafür sind Online-Veranstaltungen geplant. Wie muss man sich das vorstellen?

Luca Maggi: Wir sind mit Radio Lora dabei, Veranstaltungen, Diskussionen und Podien, die sonst live stattgefunden hätten, aufzunehmen und über den 1. Mai auszustrahlen, sowohl im Radio als auch auf unserer Website. Das Programm des 1. Mai-Komitees startet auf Radio Lora um 11.10 Uhr mit der Rede unserer bolivianischen Hauptrednerin Leonida Zurita. Die Audiodatei wird im Moment gerade übersetzt. Die Rede wird auf Spanisch und Deutsch übertragen werden.

Podien und Diskussionen aufzuzeichnen dürfte derzeit auch nicht ganz einfach sein…

Richtig. Aber wir wollen den 1. Mai nicht einfach ausfallen lassen. Dem 1.-Mai-Komitee gehören über 60 Mitgliederorganisationen an. Wenn die mitziehen, kann man durchaus auch auf diese Weise einen 1. Mai veranstalten, der gehört wird. Immerhin hatten wir in den letzten Jahren jeweils 11000 bis 14000 Teilnehmende an der Kundgebung in Zürich. Zudem teilen wir den Aufruf des Gewerkschaftsbundes, am 1. Mai um 11 Uhr auf den Balkonen und an den Fenstern Lärm für höhere Löhne zumachen.

Geht ohne Demonstration und Fest nicht der Zusammenhalt und damit der Kern des 1. Mai verloren?

Die Wucht, das Zusammengehörigkeitsgefühl und dass man sich für einen Morgen die Stadt nimmt – natürlich fehlt das. Aber es wäre ein falsches Zeichen, wenn wir jetzt trotz der Coronapandemie zu einer Demo aufrufen würden.

Was ist Ihr Hauptanliegen zum diesjährigen Tag der Arbeit?

Die Krise zeigt auf, welche Berufe unverzichtbar sind und anständig bezahlt werden sollten. Es genügt nicht, auf dem Balkon dem Gesundheitspersonal zu applaudieren – und wenn es um die Lohnentwicklung geht, bleibt dann doch alles beim Alten.

An welche unverzichtbaren Berufe denken Sie noch?

Neben dem Pflegebereich denke ich unter anderem auch an das Personal in den Lebensmittelläden, in den Kitas – oder an die Bauarbeiter, die trotz den Einschränkungen auf die Baustellen müssen. Es wird sich noch zeigen, wie ernst gemeint die jetzt vielbeschworene Solidarität ist. Die Privilegierten, zu denen auch ich gehöre, die im Homeoffice arbeiten, können die Abstandsregeln ohne Probleme einhalten. Der Akt der Solidarität endet aber nicht mit ein bisschen zuhause bleiben, sondern muss sich in der nächsten Lohnrunde mit Lohnerhöhungen in den Tieflohnbereichen niederschlagen. Zudem müssen auch private Vermieter und Vermieterinnen endlich ihre Mieten senken und auf Einnahmen verzichten. Es kann nicht sein, dass die Hilfsgelder des Staates direkt in deren Taschen fliessen.

Welche weiteren Themen sind für Sie am 1. Mai wichtig?

Es gibt noch einige andere Probleme, etwa die europäische Grenzpolitik, die menschenunwürdigen Bedingungen in Flüchtlingscamps, Länder, in denen die Menschenrechte mit Füssen getreten werden – solche Sachen drohen jetzt vergessen zu gehen. Darum wollen wir auf alternativen Wegen auf diese Themen aufmerksam machen.

Kann das ohne Grosskundgebung gelingen?

Es ist spannend, die Absagen von Demo und Fest lösten in den Tagesmedien im Vorfeld ein fast grösseres Interesse am 1. Mai aus als in anderen Jahren. Aber denen, die sonst ohnehin zur Kundgebung kämen, wird etwas fehlen. Eine Demo mit 14000 Leuten und ein Fest kann man nicht durch Einträge auf Facebook ersetzen. Gleichzeitig müssen wir uns fragen, wie wir die Demonstrationsrechte wieder herauffahren können.

Autonome Kreise riefen in Zürich kürzlich zu einer Autodemo auf, um trotz Abstandsregeln demonstrieren zu können. Was halten Sie davon?

Als Grüner finde ich, man sollte nicht zu häufig Autodemos machen. Aber wenn 30 Autos bestückt mit wichtigen politschen Forderungen einen Stau verursachen, muss die Polizei das nicht gleich auflösen. Das macht sie auch sonst nicht, wenn ein Stau entsteht. Wenn Leute unter Einhaltung der Hygiene- und Distanzvorgaben Wege finden, ihre Anliegen öffentlich darzulegen, finde ich das wichtig und legitim.

War es im 1.-Mai-Komitee umstritten, auf Fest und Demo zu verzichten?  

Es war für uns klar, dass es diesen Verzicht als Zeichen der Solidarität mit den Risikogruppen und dem Pflegepersonal braucht.

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