Bildung
Sparen: Die Zahl der Jugendlichen beim Berufsvorbereitungsjahr wird reduziert

Ab dem Schuljahr 2016/17 werden die Mittel für den Übergang von der Schule ins Berufsleben gekürzt.

Matthias Scharrer
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Der Übergang von der Schule ins Berufsleben fällt nicht allen Jugendlichen leicht. Ein Berufsvorbereitungsjahr kann dabei helfen. Keystone

Der Übergang von der Schule ins Berufsleben fällt nicht allen Jugendlichen leicht. Ein Berufsvorbereitungsjahr kann dabei helfen. Keystone

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Der Kantonsrat hat sich gestern mit grosser Mehrheit für ein FDP-Postulat ausgesprochen, wonach das Angebot der Berufsvorbereitungsjahre «den aktuellen Bedürfnissen des Marktes anzupassen und entsprechend zu reduzieren» sei. Er rennt damit bei der von Regierungsrätin Silvia Steiner (CVP) geführten Bildungsdirektion offene Türen ein. Denn diese hat im Zuge der Leistungsüberprüfung 2016 bereits beschlossen, die Ausgaben für die Berufsvorbereitungsjahre um zehn Prozent zu senken. Die Kürzung wird mit dem Beginn des Schuljahres 2016/17 wirksam, wie Steiner auf Anfrage sagte. Pro Jahr spare die Bildungsdirektion damit 1,4 Millionen Franken ein.

Das Sparziel solle erreicht werden, indem weniger Jugendliche an einem Berufsvorbereitungsjahr teilnehmen können. «Die Zulassungsbedingungen werden überprüft», sagte die CVP-Regierungsrätin. Gemäss Steiner fallen der Sparmassnahme «ein paar wenige Plätze pro Schule» zum Opfer.

Die Bildungsdirektorin betonte jedoch, das Angebot Berufsvorbereitungsjahr sei grundsätzlich unbestritten. Übergangslösungen für Jugendliche auf dem Weg von der obligatorischen Schulzeit ins Berufsleben seien per Bundesgesetz vorgeschrieben. Allerdings solle es künftig nicht mehr möglich sein, dass Jugendliche vom Berufsvorbereitungsjahr Gebrauch machen, um sich aufs Gymnasium vorzubereiten.

Rückendeckung des Parlaments

Heute gilt: Wer nach Abschluss der Sekundarschulzeit ein Berufsvorbereitungsjahr anhängen will, muss nachweisen, sich in mindestens zwei Berufen erfolglos um eine Lehrstelle bemüht zu haben. Kosten von bis zu 2500 Franken für das Berufsvorbereitungsjahr müssen die Jugendlichen oder ihre Eltern übernehmen. Was darüber hinausgeht, bezahlt die öffentliche Hand, wie einer Broschüre der Bildungsdirektion zu entnehmen ist.

Dass die grosse Mehrheit des Kantonsrats sich gestern für eine Überprüfung des Angebots Berufsvorbereitungsjahr ausgesprochen hat, liegt auch an der veränderten Situation auf dem Lehrstellenmarkt. Während vor wenigen Jahren noch Lehrstellenmangel herrschte, besteht jetzt ein Überangebot, wie Olivier Hofmann (FDP, Affoltern am Albis) betonte. «Das Berufsvorbereitungsjahr wird immer häufiger als zehntes Schuljahr aufgefasst, um noch keine Entscheidung betreffend Berufswahl fällen zu müssen», so Hofmann. Es stelle damit einen falschen Anreiz dar. Vertreter von SVP, BDP und EDU schlossen sich dieser Auffassung an.

Ralf Margreiter (Grüne, Zürich) widersprach: Dass gewisse Lehrstellen derzeit nicht besetzt werden könnten, liege am fehlenden Prestige der betreffenden Berufe respektive an den Anforderungen der Lehrbetriebe. Beide Probleme seien nicht durch die Streichung von Berufsvorbereitungsjahren zu lösen. «Sie machen Symptombekämpfung und ziehen Jugendlichen, die ohne Perspektive dastehen, den Teppich unter den Füssen weg», warnte Margreiter. Er bezeichnete das FDP-Postulat als überflüssig, da es ohnehin Aufgabe der Bildungsdirektion sei, zu überprüfen, ob es solche Angebote noch brauche. Die SP hielt fest, es spreche nichts gegen eine Überprüfung, weshalb sie das FDP-Postulat unterstützte. Allerdings sei aufgrund der Migration mit einem steigenden Bedarf an Berufsvorbereitungsjahren zu rechnen. «Ein direkter Berufseinstieg muss das Ziel sein. Dies bedingt aber, dass wir der Sekundarschule die nötigen Mittel zur Verfügung stellen, um die Jugendlichen auf die Berufswahl vorzubereiten», sagte Moritz Spillmann (SP, Ottenbach).

Auch Christoph Ziegler (GLP, Elgg) sprach sich dafür aus, die Sekundarschule zu stärken. Nur so sei zu erreichen, dass die «besseren» Sekundarschüler nicht alle ans Gymnasium wechseln, sondern anspruchsvollere Lehrstellen wählen würden. Eine Überprüfung des Berufsvorbereitungsjahrs sei durchaus angezeigt, aber nicht mit dem Ziel einer Kürzung. Die GLP lehne das Postulat ab. Die Mehrheit sah es anders und unterstützte gegen die Stimmen von Grünen, GLP, AL und EVP das FDP-Postulat. Bildungsdirektorin Steiner erhielt damit für die bereits beschlossene Kürzung die Rückendeckung des Parlaments.

Die neuen Grün-Liberalen

- Grüne und FDP sind sich selten einig. Gestern im Kantonsrat aber plädierten die beiden Parteien als Einzige für eine Änderung des Universitätsgesetzes (siehe Artikel unten). Der Beginn einer neuen Allianz? Markus Bischoff von der AL fand den Gedanken zumindest reizvoll und fragte Grünen-Fraktionspräsidentin Esther Guyer im Scherz, ob FDP und Grüne nun die neue Grünliberale Fraktion bildeten.

- Für Erheiterung sorgte wenig später ein weiteres AL-Mitglied. Judith Stofer hatte die Aufgabe, sich zu einer Kreditabrechnung für die Teilverlegung der Universität Zürich zu äussern – ein Geschäft, das auf das Jahr 1971 zurückgeht. Dass die Abrechnung erst jetzt vorliege, erstaune sie doch sehr, sagte Stofer. So sehr, wie sie darüber staune, «dass man in Zürich an so seltsamen Bräuchen wie dem Sechseläuten und dem Knabenschiessen festhält».

- Regierungsrätin Silvia Steiner (CVP), die darauf das Wort ergriff, jedoch einmal mehr, ohne das Mikrofon einzuschalten, nahm den Faden spontan auf und meinte: «Gewisse Traditionen sollte man beibehalten: wie zum Beispiel meinen Kampf mit der Sprechanlage.» (hz)