Zürich

Scrollend durch die Jahrhunderte: Historische Zürcher Zeitungen sind jetzt online

Arbeiter am Zürichsee, fotografiert von Robert Breitinger 1896.

Arbeiter am Zürichsee, fotografiert von Robert Breitinger 1896.

Zentralbibliothek schliesst grosses Digitalisierungsprojekt ab: Jetzt sind auch historische Zürcher Zeitungen online.

Die Digitalisierung prägt nicht nur die Gegenwart – sie erleichtert auch Einblicke in die Vergangenheit. So hat die Zentralbibliothek Zürich (ZB) mit dem Projekt Digitur während fünf Jahren riesige Dokumentenmengen aus Zürichs Geschichte online gestellt: Es sind 4,5 Millionen Seiten alter Drucke, 400'000 Seiten historischer Zeitungen, je rund 100'000 Seiten handschriftlicher Materialien und Musikalien, 50'000 grafische Blätter und Fotos sowie 2500 Karten und Panoramen, wie die ZB mitteilt. Zum Abschluss des Projekts, das der Kanton mit zehn Millionen Franken aus dem Lotteriefonds bezahlte, hat die ZB nun Zürcher Zeitungen aus drei Jahrhunderten im Internet veröffentlicht. Mit ein paar Mausklicks können sie nach Stichworten und Zeiträumen durchsucht werden.

Scrollen wir also durch die Jahrhunderte: Worüber berichteten Zürcher Zeitungen vor 100, 200 und 300 Jahren? Manche Themen bleiben. Am 29. Januar 1920 etwa widmete sich die Zeitung «Neue Zürcher Nachrichten» auf ihrer Titelseite der Frage, welche Rolle die Schweiz im gerade erst gegründeten Völkerbund, dem Vorläufer der UNO, spielen sollte – und was eine Mitgliedschaft für die Neutralität bedeuten würde.

Auf Seite drei ging es sodann um vier Fälle von Schlafkrankheit, die in Zürich vorgekommen seien. Es handle sich aber nicht um die tropische Schlafkrankheit, beruhigten die Behörden, sondern um eine eigenartige Begleiterscheinung der Grippe. Im Amtsblatt gab der Kanton in der gleichen Ausgabe bekannt, dass Motorlastwagen ab Ende Februar keine eisernen Radreifen mehr haben durften. «Neue Zürcher Nachrichten» erschienen von 1895 bis 1991.

Zeitung von 1820: Vom Unglück auf dem Pfäffikersee bis zum Attentat in Paris.

Zeitung von 1820: Vom Unglück auf dem Pfäffikersee bis zum Attentat in Paris.

Ein Blatt ganz anderer Art war das von 1801 bis 1842 veröffentlichte «Zürcherische Wochenblatt», wie ein Blick in die Ausgabe vom 31. Januar 1820 verrät: Die ganze erste Seite füllte die Rubrik «Es wird zum Verkauf angetragen». Darin bot eine Parfümerie beim Kornhaus detailliert ihr Kosmetikangebot feil, eine Gärtnerei auf dem Predigerkirchhof Gemüse- und Blumensamen; es folgten, nebst Wein- und Schnapsangeboten, Finanzanlagen wie «gute alte Schuldbriefe und Rathausobligationen» sowie ein kleiner Kachelofen. Kurz: fast alles, was Herr und Frau Zürcher um 1820 so brauchen konnten.

Die meistgelesene Zeitung der Schweiz

Hundert Jahre früher ist die Quellenlage dünner: Von 1720 ist in der Online-Sammlung e-newspaperarchives.ch keine Zeitung vorhanden. Dafür ist vom 15. April 1718 die «Zürcherische Freitagszeitung» anklickbar. Das Blatt erschien unter verschiedenen Titeln von 1674 bis 1914 und war im frühen 19. Jahrhundert die meistgelesene Zeitung der Schweiz, wie die ZB schreibt.

1820 berichtete die «Freitagszeitung» auf ihrer ersten Seite etwa über ein Schiffsunglück auf dem Pfäffikersee, bei dem drei Knaben ertranken. Ein Jahrhundert zuvor, in besagter Ausgabe von 1718, war sie alles andere als lokal ausgerichtet: Damals handelten ihre Artikel davon, was an den europäischen Fürsten- und Königshäusern politisch lief und zwar der Reihe nach in Frankreich, England, den Niederlanden, Deutschland, Italien und dem «Norden» mit Russland.

Nebst historischen Zeitungen wurden im Rahmen von Digitur wie erwähnt auch diverse andere Archivbestände der ZB digitalisiert. Projektleiterin Alexa Renggli hebt auf Anfrage besonders die Briefe des Arztes und Naturforschers Johann Jakob Scheuchzer (1672–1733) und die um 1900 entstandenen Fotos von Robert Breitinger hervor, die unter e-manuscripta.ch online verfügbar sind, sowie die auf e-rara.ch präsentierten Drucke aus der Klosterbibliothek Rheinau.

Bis zu zehn Leute seien gleichzeitig an verschiedenen Scannern mit Digitalisieren beschäftigt gewesen. «Je nachdem, in welchem Zustand die Dokumente waren, brauchte es andere Techniken», sagt Renggli. Das so gewonnene Wissen werde der ZB nun auch bei künftigen Digitalisierungsprojekten helfen.

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1