Zürich

Polizei muss weniger als üblich ausrücken – deshalb greifen Eltern trotzdem häufiger zum Telefon

Der erwartete Der Ansturm auf die Zürcher Frauenhäuser bleibt aus. Eine Zunahme verzeichnet dagegen der Elternnotruf.

Der erwartete Der Ansturm auf die Zürcher Frauenhäuser bleibt aus. Eine Zunahme verzeichnet dagegen der Elternnotruf.

Eine der vielen negativen Folgen sei die Zunahme von häuslicher Gewalt, hiess es vor dem Lockdown. Der Ansturm auf die Zürcher Frauenhäuser bleibt aus – zumindest vorerst.

Die Frauenhäuser rechneten mit einem Ansturm auf die ohnehin schon wenigen Zimmer. Die kantonale Sicherheitsdirektion kündigte kurz darauf an, die Polizei werde entsprechende Meldungen prioritär behandeln, den Gewalt-schutz-­Dienst und die Interventionsstelle personell verstärken und den Schutz von Stalking- Opfern erweitern.

Nun, einen Monat später, scheint auf den ersten Blick das Gegenteil eingetroffen zu sein. Wegen häuslicher Gewalt müsse die Kantonspolizei Zürich sogar weniger als sonst ausrücken, sagt eine Sprecherin. Im letztjährigen Durchschnitt lag die Zahl der Interventionen bei 13 pro Tag. Eine aktuelle Zahl nennt die Polizei nicht. Auch auf mögliche Gründe geht sie nicht ein.

Susan Peter, Geschäftsführerin der Stiftung Frauenhaus Zürich, bestätigt: «In unseren drei Frauenhäusern sind die Fallzahlen stabil.» Das Frauenhaus und andere Fachstellen seien davon ausgegangen, dass, wie in Italien, die häusliche Gewalt zunehmen werde. «Auch in der telefonischen Opferschutzberatung ist es derzeit fast schon gespenstisch ruhig.»

Über mögliche Gründe lasse sich nur spekulieren, sagt Peter. «Fachleute vermuten, es habe damit zu tun, dass die Opfer nicht frei telefonieren können.» Das sagt auch der Ostschweizer Psychiater Erich Seifritz in einem Interview mit der «NZZ». Erst wenn der Gefährder wieder zur Arbeit gehe, habe das Opfer die Möglichkeit, sich mit jemandem über die Situation auszutauschen und sich bei der Polizei oder einer anderen Fachstelle zu melden. Dass die Zahl der Interventionen nicht zugenommen habe, bedeute keineswegs, dass die häusliche Gewalt abgenommen habe.

Keine Entwarnung

Susan Peter rechnet deshalb weiterhin mit einer Zunahme der Fälle. In Zusammenarbeit mit dem kantonalen Sozialamt und der kantonalen Opferhilfe haben die privat geführten Frauenhäuser ein zusätzliches temporäres Angebot aufbauen können. Seit dem 20. April steht es für die Aufnahme von an Corona erkrankten Klientinnen und Kindern bereit. Es kann auch bei Überbelegung der Frauenhäuser benutzt werden. Die Standorte sind aus Gründen des Personenschutzes geheim.

Das zusätzliche Angebot ist bis Anfang Juli befristet. «Ob und wie wir es verlängern, ist noch offen», sagt Peter. «Im Moment haben wir jedenfalls im Kanton Zürich genügend Plätze und warten ab, wie sich die Situation entwickelt.» Mit der Lockerung des Lockdown hätten Opfer allenfalls bessere Möglichkeiten und mehr Mut, um sich bei einer Beratungsstelle oder der Polizei zu melden.

Eine Zunahme verzeichnet dagegen der Elternnotruf. Gegenüber dem Vorjahr stieg die Zahl der Anrufe um 5 bis 10 Prozent, wie Geschäftsleiter ­Peter Sumpf sagt. «Fragen zu Corona sind sehr präsent und nehmen eher zu.» In etwa zwei von drei Fragen stehe dieses Thema im Zentrum.

Sumpf erzählt von einem Fall, der sehr typisch sei für die letzten Tage und Wochen: ein lebendiger Erstklässler, der zu Konfrontationen neigt und dem nun der Freiraum fehlt, den er sonst an der Schule oder unter Kollegen geniesst. Seine Eltern müssen auf die Entspannung des einen oder anderen kinderfreien Halbtages verzichten. «Und dann kommt es zu Eskalationen im Fünfminutentakt.»

Die Enge und das Aufeinanderhocken wegen des Lockdown lasse an sich gewöhnliche Konflikte aufkochen, sagt Sumpf. «Sehr anstrengend kann das unter den aktuellen Bedingungen auch im Zusammen­leben mit Jugendlichen sein.» Etwa dann, wenn ein Elternteil zur Risikogruppe gehört, dadurch spezielle Bedürfnisse hat, die sich dann nicht mit jenen des Sohnes oder der Tochter vereinen lassen.

Streit gebe es oft wegen Hausaufgaben. Für manche Kinder seien sie eine willkommene Beschäftigung, andere wiederum hätten Mühe. «Die Eltern bekommen das jetzt mit, ver­suchen zu helfen oder fordern – bis die Situation eskaliert», so Sumpf. Besonders anspruchsvoll seien solche Situationen für Alleinerziehende. «Sie sind ab­geschnitten von der üblichen Unterstützung und isoliert.»

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