Ständeratswahl
Noser, Jositsch und Vogt: Tanz um Zürichs Stöckli-Sitze

Ständeratswahl Es gibt sie, die klaren Favoriten für die beiden Zürcher Stöckli-Sitze. Aber ein zweiter Wahlgang ist so gut wie sicher. Eine Auswahl von Szenarien und Spekulationen.

Thomas Schraner
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Jositsch Noser Vogt.

Jositsch Noser Vogt.

Limmattaler Zeitung

Szenario 1: Kein Kandidat schafft beim ersten Wahlgang das absolute Mehr.

Es spricht viel dafür, dass dieses Szenario eintritt. Denn das absolute Mehr, das im ersten Wahlgang gilt, ist eine ausgesprochen hohe Hürde. Ein Blick in frühere Ständeratswahlkämpfe bestätigt dies: 2011 scheiterten sogar die beiden Bisherigen Felix Gutzwiller (FDP) und Verena Diener (GLP) daran. Diener fehlten 15 217 Stimmen, Gutzwiller 19 614. Der Störfaktor hiess damals Christoph Blocher, der zum Sturm aufs Stöckli aufgerufen hatte und in Zürich selber in die Hosen stieg – wenn auch vergeblich. Ihm fehlten 42 121 Stimmen. Aber eben: Er zwang die Bisherigen in eine zweite Runde. Im Wahlgang 2007, als Gutzwiller und Diener zum ersten Mal antraten – es ¬waren wie heute beide Zürcher Sitze frei –, erwies sich das absolute Mehr ebenfalls als hohe Hürde. Zwar schaffte es Gutzwiller in der ersten Runde, aber knapp. Nur 737 Stimmen lag er über dem absoluten Mehr.

Gutzwiller kam 2007 in der ersten Runde vor allem auch deshalb ans Ziel, weil ihm die Stimmen der wählerstarken SVP Schub gaben. Ueli Maurer, der ebenfalls im Rennen war, zog den Kürzeren, weil ihn die freisinnigen Wähler nicht mittrugen. Dieses für die SVP ärgerliche Szenario versucht man diesmal zu vermeiden. Die SVP rät ihren Wählern, im ersten Wahlgang nur den eigenen Kandidaten, Hans-Ueli Vogt, auf den Wahlzettel zu schreiben und die zweite Linie leer zu lassen.

Sollte im ersten Wahlgang niemand gewählt werden, weiss man am Ende dennoch mehr. Es liegt dann eine Rangliste der Bestgewählten vor. Diese wird für den zweiten Wahlgang, in dem nur noch das relative Mehr gilt, massgebend sein. Die abgehängten Kandidaten und solche, die eigentlich nur ein Nationalratsmandat anstreben, werden dann wie üblich aufgeben, um Zeit und Kosten zu sparen.

Zu erwarten ist, dass Ruedi Noser (FDP) und Daniel Jositsch (SP) in der ersten Runde die besten Ergebnisse erzielen und folglich nochmals antreten. Bei Hans-Ueli Vogt, Bastien Girod (Grüne) und Martin Bäumle (GLP) dürfte das konkrete Resultat ausschlaggebend sein. Ein parteitaktischer Grund, sich zurückzuziehen, ist weder auf der rechten noch auf der linken Seite erkennbar. Auf dem Wahlzettel sind ja weiterhin zwei Linien frei. Im rechten Lager behindert Vogt Noser ebenso wenig wie im linken Girod Jositsch. Die Frage ist, ob Bäumle in diesem Fall nochmals kommt.

Szenario 2: Im ersten Wahlgang wird ein Kandidat gewählt:
Jositsch oder Noser.

Schafft es jemand bereits im ersten Wahlgang, dann kommen ¬dafür nur Noser oder Jositsch infrage. Denn beide Kandidaten sind sehr bekannt, haben eine ¬beträchtliche Hausmacht und politisieren ziemlich eingemittet, sodass sie im linken und rechten Lager als wählbar gelten – eine unabdingbare Voraussetzung, um überhaupt in den Ständerat gewählt zu werden. SVP-Kandidat Vogt hat zwar die grösste Hausmacht (SVP-Wähleranteil 30 Prozent), seine Linientreue und seine geringe Bekanntheit dürften ihm aber zum Verhängnis werden. Er dürfte sogar in den eigenen Reihen Mühe haben, zu mobilisieren. Bei Bäumle liegt der Fall anders. Er findet zwar wie die Favoriten links und rechts Anklang, hat aber eine zu schwache Hausmacht. Gleiches gilt für alle übrigen Kandidaten.

Szenario 2.1: Wird Jositsch im ersten Wahlgang gewählt, steigt der Druck auf die SVP, Vogt zurückzuziehen.

Eine Wahl von Jositsch im ersten Wahlgang ist laut Umfragen möglich. Dies wäre zunächst einmal ein Grund zum Feiern – für die Zürcher SP. Denn 32 Jahre war sie nicht mehr im Stöckli vertreten. Ein solches Szenario wäre delikat für die SVP. Bei nur noch einem freien Platz im zweiten Wahlgang sähe sie sich wohl gezwungen, Vogt zurückzuziehen und Noser zur Wahl zu empfehlen, sofern dieser im ersten Durchgang bedeutend mehr Stimmen macht. Tut sie das, hat Noser im zweiten Wahlgang beste Wahlchancen. Den Fall, dass sich die grössere Partei zugunsten einer kleineren zurückzieht, gab es übrigens schon einmal: 2007 machte SP-Frau Chantal Galladé einen Rückzieher zugunsten von Verena Diener (GLP). Und dies, obwohl Galladé im ersten Wahlgang 10 346 Stimmen mehr erzielte als Diener. Galladé biss mit der Begründung in den sauren Apfel, die Wahl von Ueli Maurer verhindern zu wollen. Die Rechnung ging auf, aber die SP zahlte den Preis. An diese historische Schuld erinnert die SP die GLP seither immer wieder.

Sollten sich SVP und FDP in der zweiten Runde nicht auf einen gemeinsamen Kandidaten einigen, wäre das ein schöner Steilpass für das ökologisch wählende Lager: Girod oder Bäumle hiesse dann die Alternative. Um Erfolg zu haben, müsste sich einer der ¬beiden zurückziehen. Allerdings: Ein Duo Jositsch – Girod oder ¬Jositsch – Bäumle im Ständerat wäre im bürgerlich dominierten Kanton Zürich ein doch sehr ungewöhnliches Ereignis. Unwahrscheinlich, dass es so weit kommt.

Szenario 2.2: Wird Noser im ersten Wahlgang gewählt, muss der grüne Kandidat aufgeben.

Gelingt es der FDP im ersten Wahlgang, Noser ins Ziel zu bringen, eröffnen sich Varianten für die zweite Runde. Zuerst eine eher theoretische: Die Bürgerlichen (SVP, FDP, CVP) versuchen, mit vereinten Kräften auch SVP-Mann Vogt in den Ständerat zu hieven. Dazu müssten die grossen inhaltlichen Differenzen im bürgerlichen Lager (Europa, Flüchtlinge, Einwanderung) übertüncht werden. Zwar waren FDP/SVP- Duos in den Ständeratswahlen 1999 und 2003 erfolgreich, aber der damalige SVP-Mann Hans Hofmann war als Alt-Regierungsrat mehrheitsfähig. Das ist bei Vogt nicht der Fall.

Eine andere eher unwahrscheinliche Variante: Die SVP zieht Vogt zurück und setzt zusammen mit FDP, CVP und GLP geschlossen auf Bäumle – um Jositsch zu verhindern. Rein rechnerisch könnte ein solcher Plan aufgehen. Addiert man die Wählerprozente von SVP (30), FDP (17,3), CVP (4,8) und GLP (7,6), müsste es Bäumle reichen. Aber eben nur dann, wenn die Wähler mitmachen, was sehr zu bezweifeln ist.

Bei einem Duell Bäumle gegen Jositsch wäre auf der linken Seite eine Bereinigung nötig: Girod müsste zugunsten von Jositsch aufgeben, um die linken Stimmen zu bündeln. Das wäre für die Grünen kaum ein Problem. Jongliert man auch hier mit Wählerprozenten, sieht es bei diesem Szenario nicht gut aus für die Linke. Mit den Prozenten von SP (19,6), Grünen (7,2) und AL (2,9) käme Jositsch auf keinen grünen Zweig. Aber eben: Das Szenario blendet aus, dass SP-Kandidat Jositsch auch bei bürgerlichen Wählern viele Stimmen holen kann.

Realitätsnäher ist diese banale Variante: Wird Noser im ersten Durchgang gewählt, ziehen sich weder Vogt noch Bäumle im zweiten zurück, sondern versuchen ihr Glück nochmals. Die Grünen hingegen pfeifen Girod zurück und geben Jositsch ihre Stimmen. Zusammen mit bürgerlichen Stimmen würde der SP-Mann gewählt. Noser und Jositsch hiesse auch in diesem Fall das Zürcher Ständeratsduo nach dem zweiten Wahlgang.

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