Zürich

Mit dem Geistertram durch eine Stadt im Tiefschlaf – Trampilotin berichtet vom neuen Arbeitsalltag

Jeden Tag werden die Wagen im Tramdepot in der Zürcher Kalkbreite gereinigt.

Jeden Tag werden die Wagen im Tramdepot in der Zürcher Kalkbreite gereinigt.

Seit einem Monat fährt Trampilotin Jacqueline Stuckert mit praktisch leerem Wagen durchs leere Zürich. Sie berichtet, wie sich das anfühlt und was sie jetzt auf den Strassen plötzlich alles sieht – ein Protokoll.

Von einem Tag auf den anderen hat sich in Zürich viel verändert. Seit dem Lockdown ist es hier sehr ruhig, richtig gespenstisch. Das ist man sich in dieser Stadt nicht gewohnt. Zwar ist es am Morgen auch sonst immer ruhig, nachdem die Pendler mit dem Tram zur Arbeit gefahren sind. Aber nun haben wir nicht einmal mehr diese Passagiere. Die Stadt ist richtig ausgestorben. Zürich pulsiert normalerweise, es läuft immer etwas. So still wie jetzt ist es nicht einmal während der Schulferien.

Es ist nicht angenehm, unter diesen Bedingungen zu fahren. Ich bin isoliert in meiner Führerkabine, viel mehr als sonst. Im Normalfall haben wir Fahrerinnen und Fahrer die Möglichkeit, etwas näher bei den Fahrgästen zu sein, indem wir das Fenster unten lassen. Das ist jetzt nicht möglich. Die Leute kommen zudem nicht mehr bei uns vorbei, um etwas zu fragen. Und wenn, dann tun sie dies nur sehr verhalten.

Das verstehe ich. Wir Trampiloten sind ebenfalls verunsichert. Wie lange geht es noch so weiter?, fragen wir uns. Ich bin eine aufgestellte, kommunikative Person, aber diese Situation schlägt selbst mir aufs Gemüt. Ich bin 50 Jahre alt, fahre seit sieben Jahren Tram und habe schon einiges erlebt, aber nie hätte ich mir so etwas vorstellen können. Unzählige Grippe­saisons, die Schweinegrippe und vieles mehr haben wir schon durchgestanden. All das hat mich nie besonders beeindruckt. Ich half den Leuten ungeachtet des Ansteckungsrisikos beim Ein- und Aussteigen und packte wenn nötig bei den Kinderwagen an. Jetzt geht das nicht mehr.

Das Warten auf den einen Fahrgast

Angst habe ich aber keine. Ich schütze mich gut und habe immer mein Desinfektionsmittel und meine Handschuhe dabei. Und natürlich wasche ich regelmässig die Hände – allerdings habe ich das schon vorher getan. Mein Arbeitgeber, die Verkehrsbetriebe Zürich (VBZ), haben selbstverständlich auch für die Passagiere gut vorgesorgt: Unsere Trams werden tiptop gereinigt, das geschieht jeden Tag.

Ansonsten haben wir den Betrieb heruntergefahren und verkehren nur noch im Zehnminutentakt. Es gibt deshalb Tage, an denen ich nicht arbeiten kann, da wir zu wenig Fahrleistung haben. Ich finde es aber gut, dass wir überhaupt noch fahren, selbst wenn wir es nur für einige wenige Passagiere tun. Es braucht uns. Die Leute in den Spitälern arbeiten, und jene im Detailhandel ebenfalls. Sie müssen irgendwie zur Arbeit kommen.

Daher bin ich stolz darauf, dass ich einen Beitrag leisten darf, damit der Alltag wenigstens noch ein bisschen funktioniert und nicht alles komplett zum Erliegen kommt. Der sehr kurzfristige Fahrplanwechsel war eine unglaubliche Leistung von allen Stellen innerhalb der VBZ. All meine Kolleginnen und Kollegen tragen jetzt entscheidend dazu bei, dass der Betrieb aufrechterhalten werden kann. Das motiviert mich, auch wenn wir uns zurzeit fast nie sehen.

«Wir kommen schneller durch die Stadt»

Man gibt sich in dieser Situation plötzlich mit wenig zufrieden. Wir freuen uns über jeden Fahrgast, der kommt. Wir können es uns sogar erlauben, auf jene zu warten, die auf das Tram rennen. Wir haben genügend Zeit, denn wir kommen viel schneller durch die Stadt als sonst. Bei uns ist zurzeit alles stark verlangsamt.

Zudem ist es nun einfacher, Tram zu fahren. Natürlich sind immer noch Autos unterwegs, aber der Verkehr hat stark nachgelassen. Ich muss daher nicht dauernd befürchten, dass ich von einem unachtsamen Autofahrer übersehen werde oder dass mir ein gedankenversunkener Fussgänger in die Fahrbahn läuft. Das kennen wir so gar nicht! Als Linieninstruktorin und Betriebsausbildnerin weiss ich, dass gerade neue Tramfahrerinnen und -fahrer diese Situation sehr schätzen. So gesehen ist es sehr angenehm und entspannt zum Fahren, allerdings auch etwas langweilig und monoton.

Aufpassen muss ich trotzdem. Damit ich die Konzentration aufrecht erhalte, schaue ich wie üblich in jene Strassen hinein, aus denen oft plötzlich ein Auto oder ein Velofahrer einbiegt – obwohl dies jetzt praktisch nie geschieht. Die Achtsamkeit darf nicht nachlassen. Aber natürlich ist es nun möglich, dass ich einmal kurz einem Gedanken nachhänge, einfach deshalb, weil ich mehr Zeit dazu habe.

Auch Zürich nehme ich jetzt anders wahr. Ich bin hier aufgewachsen, ich kenne die Stadt gut. Doch jetzt sehe ich Dinge, die mir schon lange nicht mehr aufgefallen sind, etwa weil sie sonst durch Autos oder Lastwagen verdeckt sind. Zum Beispiel einen Laden, den es schon seit meiner Kindheit gibt, der mir aber schon lange nicht mehr ins Auge gestochen ist. Oder einen Platz, der umgestaltet worden ist, ohne dass ich es bemerkt hätte, da ich mich normalerweise auf andere Sachen konzentrieren muss. Oft sind es nur kleine Dinge, die aber sonst im hektischen Treiben jeweils untergehen.

Ich habe auch mehr Zeit, um die Passanten zu beobachten. Ich bin überrascht, wie vorbildlich die Leute sich verhalten, wie genau sie die Abstandsregeln respektieren. Das hätte ich nicht gedacht. Kompliment! Es ist ja für niemanden einfach. Wir sind nicht dazu gemacht, um eingesperrt und alleine zu sein. Das Soziale bleibt auf der Strecke. Als Tramfahrerin fällt mir auf, dass die Leute nun an den Endstationen, wo wir jetzt länger Pause haben, häufiger auf uns zukommen, um zu reden – natürlich mit der erforderlichen Distanz. Der soziale Kontakt fehlt vielen Menschen. Sie sind froh, wenn sie mit jemandem ein Schwätzchen halten können.

Wer weiss, vielleicht ändert sich durch die Corona-Krise längerfristig das Verhalten der Trampassagiere, zumindest in der ersten Zeit nach der Lockerung der Regeln. Möglicherweise verzichten die Leute auch später noch auf den öffentlichen Verkehr, wenn sie nur eine oder zwei Stationen zurücklegen müssen. Sie können genauso gut zu Fuss von der Bahnhofstrasse zum Paradeplatz gehen, statt sich für eine so kurze Strecke ins überfüllte Tram zu quetschen. Ich hoffe auch, dass sie hilfsbereiter werden und zum Beispiel vermehrt jemandem helfen, den Kinderwagen ins Tram zu heben. Ja, ich glaube und wünsche mir, dass bald alles wieder ein bisschen menschlicher wird.

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