Zürich

Konkurrenz für Grossverteiler — sie erfinden den Quartierladen neu

Jenny Casetti (rechts), Boris Périsset und Josephine Herzig vor dem Ladenlokal am Bucheggplatz: Hier werden ab Januar lokale Produkte zu haben sein.

Jenny Casetti (rechts), Boris Périsset und Josephine Herzig vor dem Ladenlokal am Bucheggplatz: Hier werden ab Januar lokale Produkte zu haben sein.

Mit dem Quartierdepot Buchegg wollen Genossenschafter den Grossverteilern Konkurrenz machen. Neben den Produkten vom Bauernhof soll auch alles erhältlich sein, was man im Alltag sonst so an Lebensmitteln und Haushaltwaren braucht.

Er wurde schon oft totgesagt, der klassische Quartierladen. Beim Bucheggplatz in Zürich-Nord sind nun Genossenschafterinnen und Genossenschafter dabei, ihn neu zu erfinden: an sieben Tagen pro Woche rund um die Uhr offen, mit lokalen Produkten, ohne unnötigen Schnickschnack. Der schlichte Name ist Programm: Quartierdepot Buchegg. Im Januar wird der Laden eröffnet.

«Wir kamen darauf, weil das Ladenlokal direkt unter unserer Wohnung frei wurde», sagt Mitgründerin Jenny Casetti, die zum achtköpfigen Kernteam zählt. «Das Angebot soll so lokal wie möglich und so global wie nötig sein.» Will heissen: Milch, Obst und Gemüse kommen von einem Bauernhof im 14 Kilo­meter entfernten Steinmaur. Die Anlieferung übernimmt Bio-Milchmann Lukas Furrer mit dem Veloanhänger.

Genossenschaftlich statt gewinnorientiert

Neben den Produkten vom Bauernhof soll auch alles erhältlich sein, was man im Alltag sonst so an Lebensmitteln und Haushaltwaren braucht. Und zwar zu Preisen, die vor allem bei den Frischwaren mit den Grossverteilern konkurrenzfähig sind, wie Casetti betont. Um dies zu ermöglichen, sei der Laden genossenschaftlich organisiert und nicht gewinnorientiert.

Genossenschaftsmitglieder zahlen pro Monat 45 Franken Mitgliedsgebühr. So sollen die Fixkosten gedeckt werden. ­Dafür sei die Verkaufsmarge mit zehn Prozent deutlich tiefer als in anderen Läden. Für Familien und Mehrpersonenhaushalte lohne sich die Mitgliedschaft also auch finanziell ab einer ­monatlichen Einkaufssumme von gut 100 Franken.

In der Nachbarschaft stösst das Konzept auf Anklang: 58 Aktivmitglieder zählt die Quartierdepot-Genossenschaft bereits. Via Handy können sie die Ladentür öffnen. Verkaufspersonal wird vorerst nicht anwesend sein. Bezahlt wird ebenfalls via Handy, indem man im virtuellen Warenkorb eingibt, was man kauft. Wer kein Freund von Online-Zahlungen ist, kann laut Casetti auch im Voraus ein Guthaben einzahlen, von dem dann seine Einkäufe abgezogen werden. Damit die Nachfrage nach Frischwaren abschätzbar ist und kein Foodwaste entsteht, lösen die Mitglieder ein Gemüseabo. «Wir wollen, dass man umweltbewusst und nachhaltig einkaufen kann», sagt Casetti. Sollte sich zeigen, dass die Rechnung gut aufgeht, würde der Mitgliederbeitrag gesenkt und eine 20-Prozent-Stelle für den Laden geschaffen. Vorerst arbeiten alle Beteiligten ehrenamtlich mit.

Auch der Bierlieferant soll schon bald feststehen

So kümmert sich etwa Boris Périsset, der von Beruf Designer ist, um die Website und die Webshop-Lösung. Josephine Herzig ist für den Einkauf von Trockennahrung und Getränken zuständig. Derzeit sei sie unter anderem im Gespräch mit einer ­Oerliker Kleinbrauerei als möglichem lokalem Bierlieferanten, sagt sie beim Fototermin vor dem Ladenlokal an der Rötelstrasse 124.

Hinter dem Projekt stecken laut Casetti auch ideelle Motive: «Es ist möglich, sich gesund und frisch zu ernähren, auch mit kleinem Portemonnaie.»

Dass solche Angebote Potenzial haben, ergab nicht zuletzt eine 2013 veröffentlichte Studie der Berner Fachhochschule, die ihr Ehemann Luca Casetti mitverfasste. Der Konsumforscher ist nun Präsident des Quartierdepots Buchegg. Über 1000 Personen füllten den Fragebogen der Studie aus. Sie zeigte auf, dass die Schweizer Landwirtschaft und ihre Produkte bei den Konsumenten ein hohes Ansehen geniessen. Auch sei der Nachhaltigkeitsgedanke ein wichtiges Motiv beim Einkaufen. Aber: «Je mehr auf den Preis geschaut wird, umso weniger werden Schweizer Landwirtschaftsprodukte konsumiert», heisst es weiter in der Studie. Mit dem genossenschaftlichen Non-Profit-Modell wollen die Macher des Quartierdepots Buchegg nun Abhilfe schaffen.

Und noch ein Motiv spielt bei dem Quartierladen-Projekt mit: «Wir haben eine Überdosis von all den Schoggi-Samichläusen», sagt Jenny Casetti – und erklärt, was sie meint: Viele Läden seien überfüllt mit Gütern, die man gar nicht brauche, aber dann doch kaufe, weil sie auf dem Weg zur Kasse prominent platziert sind. Auch von diesem Phänomen solle sich das Quartierdepot Buchegg abheben.

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1