Hochwasserschutz
175 Millionen für einen Stollen, der hoffentlich nie wirklich gebraucht wird

Der Kanton Zürich plant einen unterirdischen Abfluss von der Sihl in den Zürichsee, um ein milliardenteures Hochwasser in der Stadt Zürich zu verhindern. Nun hat der Kantonsrat dafür 175 Millionen Franken bewilligt.

Matthias Scharrer
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Die Sihl fliesst unter dem Hauptbahnhof Zürich hindurch – und bildet ein Hochwasserrisiko.

Die Sihl fliesst unter dem Hauptbahnhof Zürich hindurch – und bildet ein Hochwasserrisiko.

Bild: Matthias Scharrer (Zürich, 10. Mai 2021)

Normalerweise fliesst die Sihl als beschauliches Flüsschen unter dem Hauptbahnhof Zürich hindurch. Doch bei Unwettern kann sie bedrohlich anschwellen – mit fatalen Folgen: 1910 wurden weite Teile der Stadt bis ins Limmattal überschwemmt, als Sihl und Limmat über die Ufer traten. 2005 fehlten nur wenige Zentimeter und der Durchfluss unter dem Hauptbahnhof Zürich hätte nicht mehr ausgereicht. Die Gebäudeversicherung des Kantons Zürich bezifferte in der Folge das Schadensrisiko allein an Gebäuden in der Stadt Zürich auf 6,7 Milliarden Franken.

Seither hat der Kanton Zürich einiges getan, um dieses Risiko zu senken – denn Unwetter häufen sich aufgrund des Klimawandels. Doch die grösste Massnahme kommt erst noch: Ein unterirdischer Abfluss von der Sihl in den Zürichsee soll quasi zur Zürcher Hochwasserversicherung werden. Die Kosten veranschlagt die Baudirektion auf 175 Millionen Franken. Den nötigen Kredit hat der Kantonsrat am Montag mit 171:0-Stimmen bewilligt.

Es gab auch kritische Stimmen

Trotz des klaren Abstimmungsresultats gab es auch kritische Stimmen. 175 Millionen Franken seien viel Geld für ein Bauwerk, das vielleicht einmal in 500 Jahren gebraucht werde, meinte Walter Honegger (SVP, Wald). Dennoch sprach er sich für die Tunnellösung aus: Andere Massnahmen wären noch teurer und hätten mehr negative ökologische Folgen.

«Für uns käme auch eine Nutzung des Stollens als Velotunnel in Frage», sagte Jonas Erni (SP, Wädenswil). So wäre der Tunnel auch nützlich, wenn kein Extremhochwasser kommt. Doch laut Baudirektion wären damit erhebliche Mehrkosten und Schwierigkeiten verbunden.

Mehrere Kantonsratsmitglieder forderten zudem, dass die kantonale Gebäudeversicherung sich an dem Projekt beteiligt. Barbara Günthard (EVP, Winterthur) hielt dagegen: «Der Staat ist für den Flächenschutz zuständig, die Gebäudeversicherung für den Gebäudeschutz.»

Bund und Stadt Zürich beteiligen sich an den Kosten

Die Kosten für den Entlastungsstollen trägt der Kanton Zürich dennoch nicht alleine: Baudirektor Martin Neukom (Grüne) rechnet damit, dass sich der Bund mit 58 Millionen, die Stadt Zürich mit 15 Millionen Franken sowie die SBB und die Sihltal-Zürich-Uetlibergbahn sich ebenfalls mit Beiträgen in Millionenhöhe beteiligen, wie er im Kantonsrat sagte. Gesamthaft werde der Kanton etwas weniger als 100 Millionen Franken bezahlen. Der Baubeginn sei für 2022 geplant. Drei Jahre später solle das Bauwerk fertig sein.

Der geplante Entlastungsstollen mit einem Durchmesser von sechs Metern beginnt in der Sihl oberhalb von Langnau am Albis. Über eine Strecke von zwei Kilometern führt er durch eine Hügelkette nach Thalwil, wo er in sicherem Abstand vom Ufer in den Zürichsee mündet.

Er kann im Extremfall 600 Kubikmeter Wasser pro Sekunde ableiten. Das entspricht etwa dem Rheinfall im Sommer, wie Baudirektor Neukom sagte.

Mit dem Tunnelprojekt sind auch ökologische Ausgleichsmassnahmen an der Sihl bei Langnau sowie am Zürichsee bei Richterswil verbunden. Thalwil erhält 1,5 Millionen Franken Entschädigung, da das Strandbad Bürger 1 weichen muss, wie Andrew Katumba (SP, Zürich) als Präsident der kantonsrätlichen Planungs- und Baukommission erläuterte.

Das Stollenprojekt reiht sich ein in eine Reihe von Hochwasserschutzmassnahmen, die der Kanton nach der Beinahekatastrophe von 2005 lancierte:

Weitere Hochwasserschutzmassnahmen

  • 2007 wurde die Durchflusskapazität der Sihl unter dem Hauptbahnhof durch ein Absenken des Flussbetts erhöht.
  • 2017 erstellte der Kanton bei Langnau am Albis einen Schwemmholzrechen. Dieser soll verhindern, dass bei Hochwasser Baumstämme in die Stadt Zürich treiben und den Engpass beim Hauptbahnhof verstopfen.
  • 2018 ging ein Warnsystem zur automatischen Absenkung des Sihlsee-Pegels in Betrieb: Falls Unwetter drohen, wird schon ein paar Tage vorher Wasser aus dem Stausee abgelassen, der Ausgangspunkt der Sihl ist. 
  • Weiter sind die Erhöhung der Durchflusskapazitäten der Münsterbrücke und der Rathausbrücke in Zürich sowie die Erneuerung des Platzspitzwehrs beim Zusammenfluss von Limmat und Sihl geplant.

Doch diese Massnahmen würden bei einem Extremhochwasser nicht ausreichen, wie der Regierungsrat festhält. Um Zürich im Extremfall vor einer Katastrophe zu schützen, brauche es den Entlastungsstollen von der Sihl zum Zürichsee.